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Endsal

MARSEN JULES: The Empire Of Silence

Die herzerwärmende Stille der Schneelandschaft


MARSEN JULES: The Empire Of Silence
Genre: Ambient
Verlag: Oktaf
Vertrieb: Oktaf


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Bei der Person des MARTIN JUHLS handelt es sich um einen extrem umtriebigen Dortmunder Musiker, der unter verschiedenen Pseudonymen wie KRILL.MINIMA, FALTER oder WILDACH SONNENKRAUT bereits durchaus unterschiedliche Spielarten elektronischer Musik von IDM, Elektronika bis Ambient bedient bzw. bedient hat. Letzteres, nämlich extrem flächige, raumgreifend-sphärische Ambientklänge, sind das zentrale Anliegen seines, 2003 zum ersten Mal mit dem File-Album "Lazy Sunday Funerals" in Erscheinung getretenen, eigentlichen Hauptprojektes MARSEN JULES, mit dem er nun, ziemlich genau zehn Jahre nach der, bei CITY CENTRE OFFICES erschienenen, Debüt-CD "Herbstlaub", das neue Album "The Empire Of Silence" auf dem, von ihm selbst betriebenen, Label OKTAF veröffentlicht.


 
Labelseitig charakterisiert man das Opus als "[a]n impressing soundtrack to the epic power and beauty of nordic snow and ice-landscapes", fügt allerdings – und dieser Hinweis scheint dem Rezensenten einigermaßen unverzichtbar – hinzu: "Thereby he sounds even more elegiac, warm and romantic as ever before." Nicht jeder denkt schließlich ganz selbstverständlich an Wärme und Romantik, wenn er etwas von Eislandschaften hört. Und doch trifft diese Beschreibung des Pudels Kern ziemlich genau, denn zum einen ist es die tiefe Statik, Klarheit und Ruhe, die MARSEN JULES' Musik mit den beschworenen Bildern von arktischer Weite gemeinsam hat, zum anderen sind die Soundflächen, die da unbeirrt majestätisch über und unter dem Hörer hinweggleiten, tatsächlich von bemerkenswert angenehmer, klanglicher Wärme und ja, bisweilen möchte man fast sagen: luftiger Kuscheligkeit. Vergleicht man "The Empire Of Silence" mit vorangegangenen Alben, so fällt der immer dezidierter sich Bahn brechende und hier nun auf seinem vorläufigen Höhepunkt angekommene Drang des Künstlers nach Reduziertheit und struktureller Minimierung auf: So grenzt das vorliegende Werk im Grunde genommen schon fast an ein Drone-Album, und auf der Suche nach musikalischen Vergleichen fallen dem Rezensenten tatsächlich als erstes STARS OF THE LID ein, da sich MARSEN JULES in ganz ähnlicher Weise an der Schnittstelle von Drone/Ambient und Modern Classic bewegt. Auch BIOSPHERE oder insbesondere CELER sind nicht allzu weit entfernt. Insgesamt eine wunderschöne, tiefenentspannt sphärische und dabei doch niemals langweilige Klanglandschaft, deren Tiefendimensionen von Hördurchgang zu Hördurchgang mehr Konturenschärfe bekommen.
 
Passenderweise sind alle neun Titel des Albums mit Inuit-Wörter für Schnee betitelt: So beginnt das Album mit dem ganz besonders klaren, weiten "Penstla", das die "Idee von Schnee" schlechthin bezeichnet, gefolgt von "Tlaslo", "langsam fallendem Schnee", das ein wenig abgedunkelter und melancholischer daherkommt. Weiter geht's mit dem vergleichsweise bedächtigen "Kayi", das "wandernden, dahintreibenden Schnee" bezeichnet, gefolgt vom betont statischen und dabei doch sphärisch-glitzernden "Skriniya", dem "Schnee, der nie den Boden berührt", und "Katiyana", "Nachtschnee". "Naklin", "vergessener Schnee", "Chahatlin", "Schnee, der ein knisterndes Geräusch macht, während er auf Wasser fällt" und schließlich "Ylaipi", der "Schnee von morgen", runden das kristallklare Bild ab. Der Spaßbremsenhinweis, dass die Geschichte von den Dutzenden Einzelbegriffen, die in der Sprache der Inuit angeblich für Schnee existieren, ein – mittlerweile eindeutig widerlegter – sprachwissenschaftlicher Mythos ist, der weniger für die sprachliche Virtuosität der Eskimos als vielmehr für die Eitelkeit vermeintlich nüchterner Ethnolinguisten spricht, sei an dieser Stelle lediglich der Vollständigkeit halber angeführt, denn schließlich und endlich werden die träumerischen Assoziationen, die diese wunderbaren Titelkreationen alleine durch ihre lautmalerische Wirkung hervorrufen, durch die Stücke im einzelnen und das Album im ganzen vollumfänglich eingelöst – und das ist es ja, worum es in einer Musikbesprechung wesentlich geht. Wer sich freilich nach jener knappen Stunde flächiger, flirrender, fulminanter Streichersoundscapes, die "The Empire Of Silence" dem geneigten Konsumenten bietet, wider allen Erwartens noch nicht in kontemplativer Tiefentrance befindet und den unverdrossenen Wunsch hegt, sich eingehender in glaziologische Begriffsabgründe zu versenken, ist herzlich dazu aufgerufen, seine Neugier z.B. hier anhand einer umfangreichen Inuit-Vokabelliste abzuarbeiten.

Summa summarum legt MARSEN JULES mit "The Empire Of Silence" eine ambitionierte, perfekt und stimmig konzipierte, wunderschöne Ambientscheibe vor, die das Beste des Genres auf sich vereinigt. Das Album ist im positivsten Sinne von jeder noch so subtilen Dissonanz und/oder Spannung befreit, ohne dabei auch nur für eine Sekunde Langeweile zu verbreiten, eignet sich als Soundtrack für Lektürestunden oder als Hintergrunduntermalung während trauter Zweisamkeit nicht weniger denn zu bewusstem, konzentriertem Hören oder gar zur Vertiefung aktiver Entspannung im Rahmen meditativer Betätigung. Und wie das bei essentieller Musik bisweilen der Fall ist, kommt auch das vorliegende Opus so sympathisch unaufdringlich und unprätentiös daher, dass anfangs der trügerische Eindruck einer gewissen Beliebigkeit entstehen mag; dies gibt sich jedoch schnell und schlägt im günstigsten Fall schlussendlich in ungetrübte Begeisterung um, wie beim Rezensenten der Fall. Wer also keine Angst vor Musik ohne auch nur den leisesten Hauch von Beat oder sonstiger rhythmusähnlicher Strukturierung hat, sei hiermit dringend aufgefordert, sich dem Phänomen Schnee in all seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen auszusetzen, wie sie ihm auf "The Empire Of Silence" kredenzt werden.

 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» MARSEN JULES-Homepage
» MARSEN JULES @ facebook
» MARSEN JULES @ bandcamp
» MARSEN JULES @ SoundCloud
» MARSEN JULES @ discogs
» OKTAF-Homepage
» The Empire Of Silence @ OKTAF

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