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Endsal

LAST DOMINION LOST: Towers Of Silence

Gut Ding will Weile haben.


LAST DOMINION LOST: Towers Of Silence
Genre: Post Industrial
Verlag: The...
Vertrieb: The...
Erscheinungsdatum:
22. August 2014
Medium: CD / LP
Preis: ~13,00 €
Kaufen bei: The...


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Nimmt man es genau, so existieren LAST DOMINION LOST eigentlich bereits seit Anfang der 90er Jahre – von 1992 nämlich datiert das Material, das stolze zwölf Jahre später unter dem Titel "The Tyranny Of Distance" bei TESCO erschien. Die ungewöhnlich lange Genese dieses Debütalbums illustriert für sich genommen schon recht deutlich, dass es sich bei LDL anfangs um ein eher lockeres Projekt handelte, das, wie Bandgründer JON EVANS in einem Interview ausführt, aus der Gunst entgegenkommender räumlicher Umstände entsprang und sich parallel zu diesen relativ flott wieder auflöste – jedenfalls fürs Erste. Auch JOHN MURPHY betont in einem Gespräch mit dem :IKONEN:-Magazin den anfangs eher provisorischen Charakter von LDL sowie die jahrelangen Auszeiten zwischen den verschiedenen Band-Inkarnationen. Als eigentlich schon längst keiner mehr damit gerechnet hat, meldete TESCO Interesse am vorhandenen Material an, woraus im Jahr 2004 dann das besagte Debüt resultierte. Im Sommer 2008 folgte als weitere wichtige Station in der Bandhistorie ein fulminanter Liveauftritt im Rahmen des "Berlin Bruit"-Festivals, weitere Gigs folgten – und seitdem scheint die bandinterne Kohärenz kontinuierlich zugenommen zu haben. Was freilich auch insofern nicht verwundert, als mittlerweile alle Mitglieder ihre Zelte in Berlin aufgeschlagen haben – neben EVANS selbst (und ebenfalls von Anfang an dabei) Industrial-Ikone JOHN MURPHY sowie seit einigen Jahren JULIAN PERCY an der Gitarre. In der Konsequenz bekommen wir es nun mit dem zweiten offiziellen LDL-Album seit "The Tyranny Of Distance" zu tun, dem zweiten also – zählt man die Auszeiten mal ganz keck mit – in einem knappen Vierteljahrhundert Bandgeschichte. Hektisch-übereiltes Geschluder abzuliefern ist mithin ein Vorwurf, den man den drei australischstämmigen Musikern beim allerbesten Willen nicht machen kann.

Folgerichtig klingt das, zwischen 2012 und 2014 aufgenommene Material, das auf "Towers Of Silence" versammelt wird, von der ersten bis zur letzten Minute sorgfältig durchdacht, die einzelnen Stücke konstituieren ungeachtet ihrer relativen Unterschiedlichkeit ein kohärentes Ganzes. Durchaus im Gegensatz zum, noch etwas zerfahren und rumpelig wirkenden, Vorgänger haben wir es hier mit einem Album wie aus einem Guss zu tun, dessen ganz spezielle Stärke in seinem entschiedenen Oldschool-Sound besteht. Wobei das Attribut "Oldschool" hier kaum wohlwollend genug aufgefasst werden kann, denn im Gegensatz zu manch zeitgenössischem Laptopgebratze, dem die eigene, schmalbrüstige Redundanz unter dem kategoriellen Mäntelchen "Noise" zu verbergen eher schlecht als recht gelingt, wirkt das vorliegende Album authentisch, ja: originell, ungewöhnlich gehaltvoll und ungeachtet seiner fraglos stockfinsteren Grundstimmung geradezu quicklebendig. Vor allen Dingen besticht es durch einen ungewöhnlichen Facettenreichtum in musikalischem Ausdruck und instrumenteller Umsetzung: Es kommt ein breit gefächertes, analoges Equipment zum Einsatz, allerlei Glöckchen, Pfeifen, Flöten, Saiteninstrumente, Gongs und natürlich ein Sammelsurium an Schlaginstrumenten – was freilich angesichts des Umstandes, dass JOHN MURPHY von Haus aus Schlagzeuger ist, kaum erstaunen wird. Insgesamt betrachtet arbeitet "Towers Of Silence" die gesamte stilistische Bandbreite ab: Da finden sich rituell tönende Stücke wie das grandiose "S.E.A.T.O." mit seinem beschwörend-bannenden Singsang, oder "Hexatom", das in verschiedener Hinsicht Erinnerungen an die frühen CURRENT 93 der "In Menstrual Night"-Phase weckt; mit "Caesium Sunrise" nähert man sich dem Dark Ambient-Bereich, um mit "Kavum" eine fiese, ungemütlich klaustrophobische Nummer zu kreieren, in deren Zentrum ein beklemmender Original-Tonbandmitschnitt von Josephine Rivera, einem entkommenen Opfer des US-Serienkillers Gary Michael Heidnik, steht; "Chöd Ritual" ist mit seinem tribalesken Getrommel wieder eine eher rituelle Nummer mit recht noisigem Einschlag; last but not least kommt selbstredend auch der Connaisseur gepflegter Noisenummern mit Krachern wie "Stagma" oder "Chlorpromazine" voll auf seine Kosten.

Wie der Promotext zum Album explizit hervorhebt, soll es dem Rezipienten selbst überlassen bleiben, in welchem Sinne er den Titel interpretiert, der eine Referenz auf das – auch im tibetischen Buddhismus gebräuchliche  Ritual der "Himmelsbestattung" ist, wie es bei den zoroastrischen Parsen im indischen Mumbai praktiziert wird: Diese verbringen ihre Verstorbenen in einen von drei so genannten "Türmen des Schweigens", um sie dort von den Geiern auffressen zu lassen (was mittlerweile übrigens gar nicht mehr so einfach ist, da die geflügelten Aasfresser in Mumbai massiv vom Aussterben bedroht sind). Ganz offenbar handelt es sich hier um eine vergleichsweise radikale Form der Transzendierung des fleischlich-materiellen Prinzips, wie sie in anderer Form auch der Track "Chöd Ritual" zum Gegenstand hat. Dessen Titel bezeichnet eine Praxis aus dem tantrischen Buddhismus: Hier setzt sich der Aspirant bewusst und voller Absicht dem Dämon, will heißen der Personifikation seiner dunklen, verblendeten Aspekte aus, um diesen aufzulösen und zur "Leerheit" als der ultimativen Essenz des Seins durchzubrechen. In beiden Fällen also kommt es zu einem dezidierten Eintauchen in ekel- oder angstbesetzte Bereiche des Bewusstseins, um sie dergestalt zu transzendieren: Einerseits durch die radikale, buchstäbliche Preisgabe des  Fleisches, andererseits durch die konsequente Konfrontation mit jener Dunkelheit und Negativität, die sich im Dämon lediglich manifestiert. Und diese Sicht der Dinge scheint doch ganz trefflich mit jener kurzen Charakterisierung zu harmonieren, die JON EVANS im eingangs bereits erwähnten Interview mit AUDITION RECORDS auf die Frage nach dem Sound von LDL gegeben hat: "Negative, eerie, transcendence through despair, beauty in the unexpected" – es spricht also einiges dafür, dem Album als zentrales Anliegen eine kathartische, läuternde Intention zu unterstellen: Die tiefe Einsicht in die Hinfälligkeit, Endlichkeit und – infolgedessen – Substanzlosigkeit aller Dinge motiviert zum Loslassen und macht so den Blick frei auf die "Leerheit" als einzige Realität.

Dieses – unterstellte! – Ziel mag überambitioniert anmuten, doch das macht gar nichts, denn wenn am Ende ein solch rundum gelungenes Werk wie "Towers Of Silence" steht, scheint es dem Rezensenten einigermaßen wumpe zu sein, ob man mit den mutmaßlich zugrunde liegenden, philosophischen oder spirituellen Überlegungen nun konform geht oder nicht: Entscheidend ist die Qualität des Endproduktes – und die ist im vorliegenden Falle außergewöhnlich hoch. Untrüglicher Indikator dafür ist der eher seltene Umstand, dass das Album von Hördurchgang zu Hördurchgang kontinuierlich mehr Gehalt und Tiefe offenbart, von so etwas wie Langeweile also selbst nach vielfachem Durchhören nicht ansatzweise die Rede sein kann. – Kurzum: Es gibt eine Menge zu entdecken für den, der sich auf seinen ganz persönlichen Weg zu den "Towers Of Silence" begibt ...

 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» LAST DOMINION LOST @ bandcamp
» LAST DOMINION LOST @ facebook
» LAST DOMINION LOST @ discogs
» Towers Of Silence @ bandcamp
» THE EPICUREAN-Homepage
» SILKEN TOFU-Homepage
» JON EVANS-Interview @ Audition Records
» JOHN MURPHY-Interview @ :IKONEN:


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Zusammenfassung
Ebenso vielschichtiges wie packendes und in sich stimmiges Album in bester Oldschool-Manier: Zappenduster in der Grundstimmung, doch mitreißend und lebendig in der musikalischen Umsetzung, scheinen Gehalt & Tiefe mit jedem Hördurchgang zuzunehmen. - Empfehlung!

Inhalt
01: Stagma
02: Sektor F
03: S.E.A.T.O.
04: Caesium Sunrise
05: Kavum
06: Hexatom
07: Chlorpromazine
08: Chöd Ritual
09: Minol
10: Towers Of Silence

CD in Jewelcase mit 4-seitigem Booklet; LP mit A4-Inlay limitiert auf 300 Stück.
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