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Michael We.

LABELSPECIAL: Corvus Records

Ein Leben für die düstere Kunst


LABELSPECIAL: Corvus Records
Kategorie: Spezial
Wörter: 1098


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Im Osten Europas formiert sich eine junge und dynamische Musikszene. Wo vor Jahren nur wenige „Einzelkämpfer“ standen, prägen heute neue Webzines, Labels und eine bunte Künstlergemeinde das Bild des osteuropäischen Untergrunds. CORVUS RECORDS aus Bulgarien ist eines dieser jungen Labels aus dem Osten.

Inhaltsverzeichnis

  1. Label und Bands
  2. Drei Fragen an...
  3. Diskographie und Shops

1. Label und Bands

„Ich habe mein Label gegründet, um die düstere Seite der Kunst zu erkunden. Kunst zu schaffen ist mein einziges Ziel, und ich werde es erreichen – egal, was es mich kostet!“ Beeindruckende Worte von EMIL SAPAREVSKI, dem Gründer, Chef und Alleinbetreiber des jungen bulgarischen Labels CORVUS RECORDS. So beginnt das kurze „Manifesto“ auf seiner Homepage, das einige Zeilen später auch beschreibt, um welche Musik sich CORVUS kümmert: „dunkel, hypnotisch und unglaublich mystisch“. EMIL lebt und arbeitet in Sofia, der bulgarischen Hauptstadt (1,3 Mio. Einwohner). Fragt man ihn persönlich danach, welche Art von Musik er veröffentlicht, ist die Antwort viel einfacher: „Alles, was mir gefällt!“ In diese Kategorie fallen hauptsächlich Projekte, die im weitesten Sinne Folkmusik machen: Dark Folk, Ambient Folk und die Vermischung aller möglichen Stilrichtungen mit Folk. EMIL begründet diese Vorliebe mit einer Entwicklung, die die bulgarische Musikszene im Moment durchmacht: „Viele Leute hier hören die alten Heavy Metal-Bands. Das verstehe ich nicht – wir haben doch 2007, nicht 1987. Andere wollen unbedingt in einer Gothic-Band spielen. Dabei gibt es allein in Deutschland tausende solcher Bands. Das ist alles viel zu weit weg von unseren Wurzeln. Und zu weit weg vom Herzen der Menschen auf dem Balkan. Deshalb finde ich Folk am interessantesten – die Musiker beherrschen ihre Instrumente, und sie spielen die Musik, die wir eigentlich im Blut haben.“ Um einen Überblick über das Labelprogramm und die musikalische Ausrichtung zu bekommen, hier die Bands im Schnelldurchlauf (von einigen davon stehen unten Links zu Songs bereit):

KAYNO YESNO SLONCE (Bulgarien): Der Projektname bedeutet soviel wie „hell scheinende Sonne“. Wer jemals eine „Ethno-Phase“ hatte und auf die Frauenchöre der BULGARIAN VOICES stand, wird KAYNO lieben: entschleunigte bulgarische Dudelsäcke, dezente, dunkle Hintergrund-Soundscapes aus dem Synthesizer, Naturgeräusche und ein unglaublicher Chorgesang bzw. ein Chorsummen. Die Mischung aus bulgarischer Folklore und elektronischem Ambient ist faszinierend. Oft wird von „Ritualmusik“ gesprochen, wenn Künstler versuchen, durch ihre Musik eine „Entrücktheit“ herzustellen – hier klappt es auf Anhieb. EMIL beschreibt die Musik als „Gebet“. 

NEST (Finnland): A. TOLONEN (Kennt eigentlich irgend jemand seinen Vornamen?) arbeitet mit seinem Projekt NEST ähnlich wie KANYO. Hier halten sich Folk und Elektro die Waage. Prägendes Instrument ist die traditionelle finnische Kantele, die wie eine leicht verstärkte Akustikgitarre klingt und von TOLONEN selbst gespielt wird. NEST hat er 1999 gegründet mit der Idee, alte Märchen und Geschichten über die Musik zu erzählen. Ein Spaziergang durch einen finnischen Winterwald mit der unglaublich tiefen Erzählstimme von TOLONEN.

SHRINE (Bulgarien): Rein elektronisches Ambient-Projekt des bulgarischen Webdesigners HRISTO GOSPODINOV. Inspiriert hat ihn die Bilderserie eines Freundes, die sich mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine befasst. In Bulgarien tritt er ab und zu mit RAISON D'ÊTRE auf, die auch einen seiner Songs geremixt haben. Seine Musik beschreibt Ruinen, Gefängnisse, verlassene Städte (also die Zukunft der Menschheit), klingt aber wesentlich weniger düster als erwartet. Das liegt vielleicht daran, dass HRISTO in der angeblich schönsten osteuropäischen Stadt wohnt, Weliko Turnovo in Bulgarien.

OCTOBER FALLS (Finnland): Rein akustisches Projekt, das in Deutschland relativ bekannt ist und ähnlich wie EMPYRIUM oder die norwegischen Totengräber von ULVER klingt. Cello und Akustikgitarre beschreiben die (finnische) Natur, je nach Veröffentlichung rein instrumental oder mit Vocals. Die ästhetischen Fotos, die alle Tonträger zieren, wurden in Wäldern aufgenommen.

Solche Musik in Bulgarien zu verkaufen ist schwierig; die Label-Landschaft wird tatsächlich bestimmt von Metal und Goth. Dazu gibt es in Bulgarien natürlich noch viel seltener als zum Beispiel in Deutschland abseitige Medien, die über solche Musik berichten. EMIL selbst schreibt monatlich Rezensionen über Projekte, die ihm wichtig sind, in einem Musikmagazin. International interessieren sich viele eher für die osteuropäische Blasmusik, die im Moment aus allen Balkan-Ländern kommt (vor allem Bulgarien und Rumänien) und ganz oben auf der Ethno-Welle schwappt. Immer wieder testet CORVUS die Akzeptanz seiner Veröffentlichungen auch in anderen Ländern im Osten, so wurde eine Spezialausgabe von NESTs „Woodsmoke“-CD für den russischen Markt produziert. Polnische Netzmagazine haben sich in den vergangenen Monaten auf die CORVUS-Ambient-Projekte SHRINE und LINGUA FUNGI (Finnland) gestürzt. Letztere arbeiten erst seit kurzem mit CORVUS zusammen. Als allerneueste Entwicklung beschreibt EMIL sein Bemühen um zwei mazedonische Bands. Der „Chef“ sucht neue Projekte natürlich persönlich aus. Inzwischen hat sich aber ein Freundeskreis rund um CORVUS gebildet, der ihn unterstützt und auf neue, interessante Musik aufmerksam macht. Dieses „Talentscouting“ hat schon eine Neuentdeckung hervorgebracht und dazu geführt, dass inzwischen neben CORVUS das Sublabel ARMA für „die härteren Sachen“ existiert. Erste Veröffentlichung ist die Debüt-CD von VRANI VOLOSA, einer bulgarischen Pagan-Black-Metal-Band. Es geht also trotz aller widrigen Umstände vorwärts, oder wie EMIL das viel schöner sagt: „Nothing can stop us now in the search of the perfect beauty.“

2. Interview

Drei philosophische Fragen an..... EMIL SAPAREVSKI:

1) Die größte Persönlichkeit, die je gelebt hat...

Die größte... hm... sehr schwer, nur eine Person zu nennen. Ich habe viele Helden: Alexander den Großen, Goya, den bulgarischen Revolutionär Vassil Levski, unsere bulgarischen Poeten Botev oder Javorov (meine kleine Tochter hat den Namen der Geliebten von Javorov bekommen, Mina)... aber wenn ich einen nennen muss, dann nehme ich Leonardo Da Vinci.

2) Welche Band würdest Du unbedingt für CORVUS haben wollen?

Die Fragen sind echt schwierig. Da fallen mir so viele ein. Ich nenne zwei: die bulgarische Band ISIHIA und VON THRONSTAHL.

3) Was wünschst Du Dir für die bulgarische Musikszene?

Ich träume davon, dass wir mehr interessante Bands bekommen. Bands, die keine Angst vor Experimenten haben. Ich wünsche mir auch ein bulgarisches Underground-Festival. Wir starten gerade einen Versuch: In einer alten Fabrik treffen sich Leute, die sich für Industrial interessieren. Eigentlich ist die Veranstaltung illegal. Dort wird es Foto-Ausstellungen geben, Bands werden spielen usw. Ich hoffe, in ein paar Jahren wird das hier Tradition sein.

3. Diskographie

2006 NEST: Trial of the unwary
2006 KAYNO YESNO SLONCE: Elohim Neva Senzu
2006 SHRINE: The final asylum
2005 OCTOBER FALLS: Marras
2005 VRANI VOLOSA: Where the heart burns
2004 KAYNO YESNO SLONCE: Чакрък
2003 NEST: Woodsmoke

Die meisten Veröffentlichungen gibt es bei den Onlineshops von GRAU und TESCO (siehe Rubrik "Links") zu kaufen.


 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» CORVUS RECORDS
» OCTOBER FALLS (song)
» NEST (song)
» KAYNO YESNO SLONCE (song)
» VRANI VOLOSA (song)
» GRAU (shop)
» TESCO (shop)

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