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Janne Teller: Odins Insel (btb Buch)

Zivilisationskritik, Gesellschaftssatire...


Janne Teller: Odins Insel (btb Buch)
Genre: Literatur
Wörter: 982


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Buchrezension

Janne Teller – Odins Insel

Niemand geringeres als der Allvater Odin muss in dem winterlichen Smedieby mit seinen beiden Pferden Baltazar und Rigmarole notlanden, nachdem sich zweiteres Tier in einem Meteoritensturm ein Bein gebrochen hat. Smedieby liegt hoch im Norden auf einer kleinen Insel, welche durch den großen Ozean vom großen Kontinent abgetrennt liegt und seit unzähligen Generationen hat kein Einwohner dieser Insel den großen Kontinent erreicht.
Jeder, welcher sich auf den Weg machte, kehrte aus den dichten Nebelfeldern und vom Wasser nicht mehr zurück. Wie bitter für Odin, der nach der Notlandung zwar nicht mehr weiß, was genau der Anlass für seine Reise war, aber es handelte sich doch in irgendeiner Form um Unheilsbotschaften, welche dringend übermittel werden müssen. Noch erschütternder ist die Nachricht vom Dorfschmied, dass es auf der gesamten Insel keinen einzigen Tierarzt gäbe. Dabei haben die Dorfbewohner auch ganz andere Sorgen als Odin selbst, denn seit unzähligen Generationen hat kein Mensch mehr die Insel betreten, und der knapp 1,20 Meter kleine Mann mit langem Bart, scheinbar steinalt, fällt doch ein wenig aus dem Rahmen, was sein Erscheinungsbild anbetrifft. Ebenso sonderbar ist, dass die Pferde über dem Schnee gleiten und mit den Hufen den Boden gar nicht berühren. Man entschließt sich, die Pferde zu pflegen, während Odin versucht, den großen Kontinent zu erreichen.
Nach einem mehrtägigen Marsch erreicht er tatsächlich den großen Kontinent. Und nun geschieht das Unfassbare, Odin friert auf einer Asphaltstraße ein und wird beinahe von einem Auto überfahren. Sigbrid Holland ist es, eine junge Bankangestellte, die in letzter Sekunde dem Verkehrshindernis ausweichen kann. Sie staunt über den knapp 1,20 Meter kleinen, steinalten Mann mit langem Bart und entschließt sich, den Stummen (seine Lippen sind eingefroren) in ein Krankenhaus zu fahren… In diesem Krankenhaus nimmt die eigentliche Geschichte erst ihren Anfang. Denn Odin versteht nichts von Personalien, nichts von Vor- und Zunamen, er versteht nichts von Ärzten, nichts von Fahrzeugen und am wenigsten versteht er, warum niemand bereit ist, ihm zu dem Veterinär zu bringen, der sein Pferd auf der fernen Insel heilen kann. Die Menschen wiederum verstehen Odin nicht, der kleine Mann ohne Identität, der von Meteoritenstürmen und einer Insel spricht, die es gar nicht gibt (oder doch?). Weder Polizei, Ausländerbehörde noch Psychologen wissen mit Odin etwas anzufangen und ehe der kleine Mann sich versieht, landet er in der Psychiatrie. Sigbrid Holland ist die einzige Person, die aus unerklärlichen Gründen Odins Geschichte glaubt und beginnt in der Zwischenzeit mit Recherchen. Bald findet sie heraus, dass es tatsächlich Legenden um eine Insel zwischen Nordnordland und Südnordland gibt, welche im Laufe der Jahrhunderte mal dem einen Königreich, dann dem anderen Königreich gehörte. Doch die Insel ist unerreichbar, die Wasser sind von gefährlichen Klippen umgeben und selbst vom Flugzeuge aus kann diese Insel nicht betrachtet werden, kurzum: Ein wohl gehütetes Geheimnis.
Während Odin in der Psychiatrie auf einen Tierarzt wartet und nicht weiß, was eigentlich eine Psychiatrie ist, beginnen sich andere Zeitgenossen für den unscheinbaren Mann von knapp 1,20 Meter Größe und mit langem Bart zu interessieren. Und während Odin nach wie vor versucht, einen Tierarzt ausfindig zu machen, beginnen die anderen Zeitgenossen, die Wahrheit über ihn herauszufinden. Und diese Zeitgenossen sind der Meinung, dass die Regierung Nordnordlands den Messias weggesperrt hat, den Verkünder des Weltuntergangs, den Erlöser. Ehe sich Nordnordland versieht, füllen sich die Straßen und Plätze mit fanatischen Religionsgruppen, die sich zu Tausenden zusammentun. Da gibt es die „Wiederauferstandenen Christen“, „Hesekiel und das Auserwählte Volk“, die „Lämmer des Herrn“ und die „Führerlosen Jungen Moslems“ – Zusammenrottungen von Weltuntergangspropheten. Und sie alle sehen in Odin den Heiland. Und auch der Staat zeigt sich an Odin interessiert, denn Odin war es ja, der diese unsichbare Insel erwähnte. Und alle jagen sie Odin. In Nordnordland bricht das Chaos auf den Straßen aus, die religiösen Gruppen bekämpfen einander um der absoluten Wahrheit wegen und sie bekämpfen den Staat, der wiederum für Ordnung sorgen will. Außerdem besteht Kriegsgefahr zwischen Nordnordland und Südnordland, denn alte Inselansprüche werden geltend gemacht. So nimmt die Geschichte ihren Lauf…

Diese zugegebenermaßen abstrus anmutende Geschichte wird auf knapp 450 Seiten erzählt, natürlich werde ich das Ende an dieser Stelle nicht vorweg nehmen. Nichtsdestotrotz lässt meine komprimierte Nacherzählung gut erahnen, worum es sich in dem Roman dreht. Janne Teller kombiniert in ihrem Werk Zivilisationskritik, Gesellschaftssatire, Spannungsroman und Schicksalserzählung – verpackt in einem Misch aus nordischer Mythologie, Märchen und modernem Roman. Trotz der beabsichtigten Komik und Lächerlichkeit wimmelt es in dem Buch vor ernsthaften Hintergründen und giftigen Statements bezüglich unserer Gegenwart.

Brillant reflektiert Janne Teller über den politischen und religiösen Irrsinn, hinter dem sich wiederum menschliches Versagen und Eitelkeiten verbergen, die absolut zeitlos sind (und gerade top aktuell). Denn wie in der Realität gibt es auch in dem Buch eine Vielzahl von Verlierern, Verblendeten, von Mitläufern und Opfern, dem gegenüber steht ein handvoll Täter und Drahtzieher, mittendrin bewegt sich die Unschuld, hier personifiziert als Allvater Odin, der von all dem Treiben nichts versteht, dessen höhere und andere Ziele bzw. Wahrheit der großen Mehrheit verborgen und verschlossen bleibt. Hier wird nicht eine Religion Opfer der Karikatur, Janne Teller nimmt sie alle auf die Schippe, die Anbeter von Götzenbildern, die Moralapostel, die Machthaber und die Gefolgsleute.

Ohne die lustigen und teilweise abstrusen Handlungselemente würde dieses Buch unweigerlich zu Kotzkrämpfen beim Leser führen: Wie beschissen geht es doch zu in dieser (unserer) Welt.  So bleibt der Roman aber ein herrliches Märchen, für Odinisten, Heiden, Atheisten, Querdenker, Alternative und Leseratten sowieso. Wer also wissen will, ob Odin der Rückweg gelingt, sein Pferd geheilt wird, er die Unheilsbotschaft des Ragnarök überbringen kann und wie es in den Nordländern weitergeht, sollte sich diesen Roman zulegen. Erschienen als gebundene Ausgabe und inzwischen auch als günstigeres Taschenbuch.

Teller, Janne: Odins Insel, btb Buch/Goldmann Verlag,1. Auflage 2002
Hier bestellen: ISBN: 3442750911



 
für nonpop.de



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