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Roy L.

HÖLDERLIN: Hölderlins Traum

Folkmusik 1964-1984 | Teil XIV


HÖLDERLIN: Hölderlins Traum
Kategorie: Spezial
Wörter: 1396


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HÖLDERLIN - Hölderlins Traum
(1972, Deutschland, Pilz)



Ein Viertel des Folkjahres liegt bereits hinter uns und so ist es nun langsam an der Zeit, endlich einmal eine nationale Platte hervorzukramen und vorzustellen. Seit mehreren Dekaden schon tut man sich in Deutschland ja ungewöhnlich schwer mit folkloristischer Musik. Anders als in England, wo schon seit Ende der Fünfziger Jahre ein frisch entfachtes Interesse am Volkslied zu verspüren war und wo in unzähligen Folkclubs (tatsächlich ein Phänomen vornehmlich englischsprachiger Länder: Großbritannien, Irland, USA, Australien...) traditionelle Musik öffentlich stattfand, ist die deutsche Popkultur mehr oder weniger erst über den Umweg Krautrock zum Folk gekommen, und auch dies eher mit gemischten Gefühlen. Deutsch gesungene Lieder, die mit Akustikgitarre, Streichern und Flöten gespielt werden, stoßen im eigenen Land oft auf Unbehagen oder zumindest Desinteresse. Wer deutsch singen will, schlägt lieber gleich den zeitkritischen Liedermacherpfad ein, um so den „Folklore und Heimat“- Kontext elegant zu umgehen, oder aber man bleibt dem Folk treu und singt stattdessen englische Songs oder man entscheidet sich für das historisch unverfängliche mittelhochdeutsch und erfindet eine Art Mittelalter-Folk. In Deutschland ist von diesen drei Auswegen bisher leider allzu exzessiv Gebrauch gemacht worden, und so nimmt es auch nicht wunder, dass sich der wirkliche Folk-Nachwuchs, wie er heute von wenigen Gruppen wie FORSETI und DARKWOOD verkörpert wird, eher im zwielichtigen Untergrund aufhält, obwohl das musikalische Potential doch mehr als beachtlich ist.

Doch zurück in die Vergangenheit: die Gruppe HÖLDERLIN ist Anfang der Siebziger wie einst ihr großer Namenspatron ganz 'Prophet im eigenen Land' und nimmt mit ihrem einzigartig gebliebenen Debütalbum „Hölderlins Traum“ eine wirkliche Sonderrolle in der damaligen deutschen Folklandschaft ein.
Diese sah im Laufe der Siebziger etwa wie folgt aus: musikalisch versierte Bands wie BRÖSELMASCHINE und CAROL OF HARVEST waren stark vom englischsprachigen Folk-Rock geprägt und kaum in der Lage, etwas distinktiv Deutsches zu Wege zu bringen. Psychedelische Querköpfe wie KALACAKRA und SILOAH gingen zumeist liebevoll dilettantisch im okkult-spirituellen Orientalismus auf. Dem Krautrock näher stehende Gruppen sorgten wie WITTHÜSER & WESTRUPP für ein Übermaß an unfreiwilligem Kifferhumor oder verloren wie EMTIDI vor lauter 'kosmischer Synthie-Musik' die traditionellen Wurzeln völlig aus den Augen. Stärker an die Tradition gebundene Gruppen wie OUGENWEIDE und EMMA MYLDENBERGER waren dagegen sehr wohl in der Lage, deutsches Liedgut wunderschön zu vertonen, hinterließen dabei jedoch immer einen allzu mittelalterlichen Nachgeschmack.
All diese eben aufgezählten Gruppen haben freilich ihren Wert und mehr noch ihren Reiz, doch waren es einzig und allein die frühen HÖLDERLIN, die imstande waren, eine echte, ernsthafte deutsche Folkplatte aufzunehmen, ohne dabei Hals-über-Kopf ins Mittelalter, ins Lächerlich-Komische oder ins Orientalische auszuweichen.

Die Geschichte der später durch ihre Prog- und Symphonic-Rock-Alben recht populär gewordenen Gruppe aus Wuppertal ist im Grunde nicht sehr geheimnisvoll und schnell erzählt. HÖLDERLIN war anfangs eine ganz familiäre Angelegenheit und bestand 1970 zunächst nur aus den Brüdern CHRISTIAN und JOCHEN VON GRUMBKOW, die in den Sechzigern schon mit Jugendbands wie BEATKIDS und ACTION ISSUE BLUES BAND musikalische Erfahrungen gesammelt hatten, und Christians holländischer Frau NANNY DE RUIG. Die Drei hörten viel britischen Folk, coverten Songs von PENTANGLE und TRAFFIC und versuchten sich an Gedichtvertonungen. Als kurze Zeit darauf mit CHRISTOPH NOPPENEY und MICHAEL BRUCHMANN zwei klassisch ausgebildete Musiker und mit PETER KÄSEBERG ein ebenfalls folkbegeisterter Gitarrist hinzukamen, war die Band schon komplett.
Entdeckt hatte sie letztendlich Deutsch-Rock-Vorkämpfer und kosmischer Kurier ROLF-ULRICH KAISER (OHR MUSIK), der gerade erst das psychedelische BASF-Sublabel PILZ von JÜRGEN SCHMEISSER übernommen hatte und „Hölderlins Traum“ Anfang 1972 im für den Krautrock so wichtigen Tonstudio von DIETER DIERKS produzierte.

In der Musik von HÖLDERLIN spielen Streicher, Klavier und Flöten eine ebenso wichtige Rolle wie Akustikgitarren und Schlagzeug. Eine gewisse Nähe zur klassischen Musik ist damit immer gegeben, wodurch „Hölderlins Traum“ auch markant sinfonische Qualitäten besitzt. Der wunderbare Einstieg „Waren Wir“ verzaubert vom ersten Moment an aufrichtig und poetisch, bis sich das Lied im eher italientypischen mellotronlastigen Prog-Folk-Wunderland verliert, in dem sich HÖLDERLIN jedoch immer nur vorübergehend aufhalten. Denn im Gegensatz zu ihren Label- und Studiokollegen haben sie in dieser frühen Phase nur wenig Ambitionen, Rock zu spielen und konzentrieren sich eher auf melodische, gefühlsbetonte Kompositionen.
Zu den heute bekanntesten frühen HÖLDERLIN-Stücken zählt sicher das epische „Requiem für einen Wicht“, dessen Liedtext eine schöne märchenartige Replik des Vormärz-Topos „Die Gedanken sind frei“ zeigt. Das ergreifende Streicher- und Snare-Zwischenspiel in der Mitte des Liedes ist einer jener denkwürdigen Momente der Platte, für den HÖLDERLIN ein Platz im internationalen Folk-Olymp gewiss ist. Und überhaupt scheinen es vor allem die ruhigen, musikalisch sehr strengen und nüchternen Passagen zu sein, die das Album so sehr von anderen deutschen Folkversuchen abgrenzen, wohingegen das mit PETER BURSCH und MIKE HELLBACH (BRÖSELMASCHINE) eingespielte, morgenländische und leicht psychedelische „Strohhalm“ qualitativ deutlich abfällt. Das sanft gestrichene „Erwachen“ und das nachdenklich stimmende klassische Gitarrenstück „Wetterbericht“ lassen sich schon nahezu einer Art folkloristischer Kammermusik zuordnen, die zu dieser Zeit im Grunde einmalig war.
Mit diesen Liedern haben HÖLDERLIN damals tatsächlich etwas charakteristisch Deutsches einfangen können. Es sind dabei nicht so sehr die Texte, die eben noch stark vom Nachhall des 68er-Aufschreis geprägt waren und diesen nur etwas romantisch-verträumter wiedergaben, sondern eher die teilweise doch recht konservative Musik, die diesen 'edlen Ernst', das Schwere, das Heilignüchterne, Geistige und Tiefsinnige im Saitenspiel transportiert und sich so mit großer Deutlichkeit von den Folktraditionen Englands, Frankreichs und Osteuropas abhebt, auch wenn die Gründe dafür kaum rational nachvollziehbar sind. Und auch wenn zu sagen es verwegen anmutet: aus diesen Kompositionen dringt ein wenig der Genius von Schubert, Schumann und Brahms und spricht die Gottverlassenheit  der beiden deutschen Griechen Hölderlin und Nietzsche. Der schwere purpurne Duft des bedeutungsschwangeren deutschen 19. Jahrhunderts durchströmt in manchen Augenblicken auch noch „Hölderlins Traum“.
Und doch sind die Wuppertaler Musiker ebenso Kinder ihrer Zeit, Kinder des PILZ-Labels und Dierks Studios und so gleicht ihr „Traum“ - der letzte Titel des Albums – einer schillernd phantasievollen Reise durch „progressive“ und kosmische Gärten und Paradiese, wenngleich die Folkgitarren auch hier immer die Oberhand behalten. Am Ende ist es genau dieser leichtfüßige Wechsel und ständige Rückfluss zwischen klassischer Strenge und moderner Träumerei, der dem Album seine Würze und seinen Wert verleiht.                      
     
Die Platte war ausnahmsweise ein beachtlicher Erfolg und wurde auch von der Presse wohlwollend und anerkennend aufgenommen. Mit zahlreichen anspruchsvollen Auftritten, die nur teilweise das Konzept von „Hölderlins Traum“ widerspiegelten, gelangte die Gruppe zumindest innerhalb der BRD sehr rasch zu einiger Popularität. Der Umbruch zeichnete sich bereits ab, als Sängerin Nanny Ende 1973 die Band verließ und etwa ein Jahr später Peter Käseberg von HANS BÄÄR abgelöst wurde, so dass sich die Band im Grunde von ihren beiden am stärksten folkloristisch geprägten Mitgliedern trennte. Inzwischen hatten sich HÖLDERLIN auch immer mehr mit dem nun ziemlich LEARY-fixierten Kaiser überworfen und kündigten den Vertrag mit PILZ, um 1975 zu dem weitaus größeren INTERCORD zu wechseln. Der Labelwechsel erscheint rückblickend dabei auch nur wie ein Übergang vom Regen in die Traufe – war es doch eine ganz bezeichnende und nicht zuletzt entscheidende Auflage von INTERCORD gewesen, dass die ursprünglich deutschen Texte für das zweite, unbetitelte Album in Englisch eingesungen werden mussten und HÖLDERLIN in HOELDERLIN „umbenannt“ wurde. Von hier aus entwickelten sich HOELDERLIN immer weiter zu einer symphonischen Prog-Band – sprich: gezähmter Krautrock, der sich in LP-seitenlangen Stücken durch alle Windungen bildungsbürgerlichen Kitsches bewegt -, die sich Anfang der Achtziger nach sechs weiteren Alben auflöste. Vor drei Jahren formierte sich erneut ein Projekt mit dem Namen HOELDERLIN, das mit seinem Vorgänger personell nur noch sehr wenig gemein hat. Von der Besetzung, die über dreißig Jahre zuvor „Hölderlins Traum“ aufgenommen hatte, ist hier nur noch Schlagzeuger Michael Bruchmann übrig geblieben. Der Traum, so scheint es, war bereits mit den letzten Rillen der ersten Platte ausgeträumt.

Und dennoch, er hat etwas Besonderes hinterlassen: dem großen mosaikartig zusammengesetzten Konzert der Volksmusiken, wie sie im Jahr der Seele reflektiert werden, haben die sechs Musiker von HÖLDERLIN 1972 eine genuin deutsche Komponente hinzugefügt, zu der man sich auch heute noch zu bekennen nicht schämen muss.


Titel:
A
Waren Wir
„Peter“
Strohhalm
Requiem für einen Wicht

B
Erwachen
Wetterbericht
Traum

34min


Erstauflage:
Pilz 20 21314-5 | 1972 (Neupressung 1982 unter Pop-Import)

Re-Releases:
1993: Spalax Music | 14297 | CD (Neupressung 1997)
2007: Wah Wah Records | LPS038 | LP

 
Roy L. für nonpop.de


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