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Roy L.

Fabrizio de André

In Direzione Ostinata E Contraria


Fabrizio de André
Genre: Liedermacher
Verlag: Ricordi


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Mit Fabrizio de André muss jeder schon irgendwann mal in Berührung gekommen sein. Man schaut in die Wolken und spricht seine Sätze, ohne zu wissen, dass auch er sie gedacht hatte, man durchquert eine belebte Gasse und summt seine Lieder, ohne sie je zuvor gehört zu haben. De André hinterließ, als er vor sieben Jahren verstarb, ein Werk, das ihn zum größten Liedermacher seiner Heimat Italien machte und eine immense Nähe zum unverfälschten, unverhüllten Leben verspüren lässt. Ersteres ist nur ein Titel, der früher oder später Staub fangen wird und verblasst, das zweite jedoch versichert dem Genuesen eine Unsterblichkeit, die nichts mit dem Vermächtnis großer Könige und Legenden gemein hat, sondern eine sympathische, greifbare Unsterblichkeit ist, wie die ständige Anwesenheit eines Menschen, an den man sich gern erinnert.
In über 40 Jahren Schaffenszeit und Hunderten von Liedern bewies Faber, wie er von Freunden und Anhängern genannt wurde, eine immer wieder neu erschaffene Eigenwilligkeit und Originalität. Als de André, von dem Franzosen George Brassens inspiriert, 1958 begann, seine eigenen Lieder auf der Gitarre zu spielen, erschuf er, zunächst noch unbeachtet, seiner Muttersprache eine neue Existenz in der Musik. Seine Texte waren zu dieser Zeit im Grunde noch provinziell-romantisch, doch schon im Unterton mit einer echten, tabusprengenden Lebendigkeit verbunden, die für ihn stets markant bleiben und sich im Laufe der Jahre immer stärker poetisieren sollte. Der Durchbruch gelang ihm 1964 mit "La Canzone Di Marinella". Der bürgerliche Student de André singt mit aufrichtiger und schöner Traurigkeit über den Tod einer sechzehnjährigen Prostituierten: "e come tutte le più belle cose / vivesti solo un giorno come le rose (und wie alle schönsten Dinge hast du nur einen Tag gelebt, wie die Rosen)". Eines der heute bekanntesten Lieder, "Via del campo" widmet er einem Jungen aus der Altstadt Genuas, dem Sohn einer Hure. Er singt auch: "dai diamanti non nasce niente, dal letame nascono i fior (aus Diamanten wächst nichts, auf Mist wachsen Blumen)". Man hat ihm in all den Jahren immer wieder einen Hang zur politischen Linken und zum Opponieren gegen die Kirche nachgesagt. Doch de André war nie weder Verfechter irgendeiner Politik, noch Schmäher des christlichen Glaubens gewesen, sondern vielmehr ein Humanist aus Fleisch und Blut, der gleichzeitig das Utopia der Arbeiterklasse beschwören und tief und innig an Gott glauben konnte. Wie ungemütlich manche seiner Texte jedoch auch sein mochten, sie zogen nie größere Anfeindungen nach sich, was freilich der gewichtigeren Toleranz der öffentlichen Meinung dieser Tendenz gegenüber und seiner nicht geringen Popularität zu schulden ist. Fabrizio de André war schlichtweg einer, der keinem irrigen Systemdenken, sondern dem Volk an sich angehörte. Die Leidenschaften der Menschen, ihr Tod und ihr Leben, das war es was ihn interessierte und weiter nichts.
In den Jahren nach seinem Ableben legte Ricordi alle dreizehn Alben noch einmal als frisch gemasterte CD's auf. Den Abschluss bildet dabei sozusagen die 3CD-Box "In Direzione Ostinata E Contraria", die eine großzügige Auswahl aus sämtlichen Werken vorstellt und im Unterschied zu den separaten CD-Veröffentlichungen von der digitalen Bearbeitung verschont blieb, wodurch die hier vorliegenden Aufnahmen mit einem authentischen und viel direkteren Klang glänzen.

Über nahezu vier Stunden folgt man de André chronologisch durch den magischen Kosmos seiner Lieder. Nur auf dem ersten Silberling, der die frühste Schaffensphase von den Singles bis zum fünften Album "La Buona Novella" widerspiegelt, sind die Stücke in eine mitunter nicht ganz nachvollziehbare Ordnung geraten. Hier finden sich die schlichtesten, folkloristischsten und vielleicht auch schönsten Lieder des grandiosen Sängers, der de André immer gewesen ist. Eine so kräftige und dennoch angenehm sanfte Stimme kann "Amore che vieni, amore che vai" singen, das später übrigens auch von Franco Battiato interpretiert wurde, ohne dass einem Kitsch oder Zynismus in den Sinn kommen. Man nimmt diesem de André seine Texte ohne Misstrauen ab, auch wenn er ein Gauner ist, der von Gaunern und Gaunereien erzählt. Die Melodien dazu wirken traditionell, rustikal wie eine italienische Altstadt, die nur geringe urbane Züge trägt. In dieser Atmosphäre erblühen seine Geschichten und Gitarrenakkorde und werden hin und wieder von Streichern und Akkordeon begleitet. "Via del campo" wäre heute fast schon Neofolk, "La ballata dell'eroe" verbreitet viel Spaghettiwesternambiente und mit "Ballata dell'amore cieco o della vanità" gelingt ihm ein genialer Brückenschlag zwischen Folklore und 60er-typischen Schlager-Chique, um dessentwillen allein man schon ein Ohr riskieren sollte. Je nach Stimmung wird man dann die melancholische Ballade "Canzone dell'amore perduto" für zu aufdringlich oder äußerst gefühlvoll halten, beides wird diesem großen Lied nicht gerecht. Sehr viel subtiler erklingt "Preghiera in Gennaio". De André hatte es für seinen Freund und Kameraden, dem Sänger Luigi Tenco geschrieben, nachdem sich dieser 1967 in einem Hotelzimmer in Sanremo das Leben nahm. Das Lied ist ein sehr intimes Stoßgebet, auf dass Gott auch die Selbstmörder in sein Himmelreich einlassen möge. Es bewegte de André, sich auch weiterhin über den Tod und dem Dahinscheiden Gedanken zu machen. Im Jahr darauf erschien mit "Tutti Morimmo A Stento" die wahrscheinlich düsterste und schwermütigste Platte seiner gesamten Diskographie. Von diesem Album sind hier vier Stücke enthalten, unter welchen ganz besonders "Inverno" auffallen dürfte. Dieser gänsehauterzeugende winterliche Blues nimmt in seiner melancholischen Kirchhofästhetik einen Großteil dessen vorweg, was sehr viel später den Grundtenor der Gothic Subkultur ausmachen sollte. Auch wenn der bekannte Liedermacher sicher nie auch nur annähernd in subkulturelles Terrain vorgedrungen ist, darf man seinen Einfluss auch hier nicht unterschätzen.
Die zweite CD widmet sich ganz den 70er Jahren, in denen de André immer mehr mit Country- und Popelementen experimentierte. Zu dieser Zeit avancierte er quasi zum italienischen Bob Dylan, zum Asphalt-Cowboy und sanften Rebell, der von Liebe und Studentenrevolten mit dem gleichen Vokabular und den gleichen Akkorden singen konnte. Ein Geniestreich ist ihm 1971 mit dem Stück "Un ottico" gelungen. Es ist gar nicht für möglich zu halten, wie auf nicht einmal fünf Minuten eine musikalische Bandbreite bedient werden kann, die sich von traditioneller italienischer Mandolinenfolklore, über progressiv-experimentellem Rock à la frühen Battiato und psychedelischen Orgelklängen bis hin zu klassisch-strengen Streicherarrangements erstreckt. De André bewies hier, dass er all diese Stile mühelos beherrschte, er spielte mit ihnen und zwang sie in sein eigenwilliges Songgewand. Im Grunde aber blieb er dann immer noch ein schnörkelloser Gitarrist, der wie in "Canzone per l'estate" mit wenigen Mitteln einen schlagkräftigen, sarkastischen Abgesang auf die Langeweile des Bürgertums zu schreiben vermochte. Als 1978 das Album "Rimini" veröffentlicht wurde, schien dem Italiener ein weiterer Durchbruch geglückt zu sein. Die Platte war kommerziell so erfolgreich, dass sie sogar im Ausland und so auch in Deutschland gepresst wurde. Leider wird de André deswegen hierzulande zuerst immer mit diesen recht gefälligen, populären Kompositionen und nicht zuletzt mit dem Hit "Andrea" in Verbindung gebracht. Nichtsdestotrotz ist "Rimini" eines der kraftvollsten und lebhaftesten Folk-Pop Alben die Italien in den 70ern hervorbrachte und es gewinnt dank seiner ungewöhnlichen Mixtur aus barocken und sonnigen Klängen einen sehr einprägsamen Charakter. "Una storia sbagliata", die B-Seite der dazugehörigen Single, liegt hier übrigens zum ersten Mal auf CD vor. Die "unrechte Geschichte", die hier erzählt wird, richtet sich an den tragischen Tod von Pier Paolo Pasolini oder vielmehr den widerlichen Nachwehen seitens der Presse, die dieser auslöste und ist eine Art Plädoyer für "andersartige" und sonderbare Menschen.
Den Abschluss dieser ausführlichen Best-of bilden Auszüge aus den letzten vier Alben, die de André über einen Zeitraum von 15 Jahren aufnahm. Der früher so unbequeme Liedermacher ist inzwischen etwas ruhiger und introspektiver geworden, was sich auch schon in dem ganz wundervollen "Hotel Supramonte" niederschlägt. Mit unterdrückter Bitterkeit zupft er an den Saiten seiner Gitarre, die Worte kommen ihm wie das halbzufriedene Zurücklächeln eines gealterten Dichters auf die verflossenen Jahre über die Lippen und dann setzen die Streicher so dezent und unaufdringlich wie man es noch nie zuvor meint gehört zu haben, mit einem Thema ein, das an Ennio Morricones Soundtrack zu "Once Upon A Time In America" erinnert. De André hatte es verstanden, die "großen Gefühle" so subtil Stück für Stück zu entkleiden, dass man ihre nackte Haut spüren konnte. Umso abrupter erschien daher der Umbruch, der mit der 1984er Platte "Creuza De Mä" Gestalt annahm. Tatsächlich war dies das erste italienische Ethno-Album und trotz des überraschenden Stilwechsels wurde de André's Arbeit in seiner Heimat als durchaus innovatives Werk gewürdigt. Eine große Besonderheit von "Creuza De Mä" sind die Texte, die allesamt im altgenovesischen Dialekt verfasst wurden, der einem Amalgam aus Italienisch, Französisch und Arabisch gleicht. Dementsprechend verschmolzen auf der musikalischen Seite mediterrane und orientalische Klangelemente, was als damals bahnbrechend interkulturell erachtet werden muss. "Nuvole" setzte sechs Jahre später diesen Ethno-Pfad nur bedingt fort und brachte wieder mehr folkloristische und klassische Komponenten ins Spiel. So ist hier wieder ein beschwörerisches Gitarrenstück wie "La domenica delle salme" zu hören, das in grotesken Sprachbildern mit dem großen Politikmachen der Besserwisser und Intellektuellen links wie rechts abrechnet und über die innere Situation Italiens reflektiert. De André's letztes Album "Anime Salve" erscheint ohne Mühe als sein ausgereiftestes, durchkomponiertestes und generell aufwändigstes Werk. Die Zeilen sind metaphorisch und poetisch verhüllt, die Aussagen jedoch klar und schlicht. "Anime Salve" ist ein humanistisches Gebet, das trotz seiner imposanten Größe, einen kleinen und herzlichen Eindruck macht. Die Übergange zwischen Ethno, Folk und Pop sind fließend, ebenso die Vermengung europäischer und afrikanischer Einflüsse. "Prinçesa" wagt hier einen mehr als ungewöhnlichen Spagat zwischen akkordeonlastiger 20er-Jahre Dekadenz und afrikanischen Gesängen. Dass es trotzdem gelingt, dafür sorgt die Schlitzohrigkeit von de André, der mit seiner Musik über all die Jahre hinweg immer einen Tick näher am Leben und an der Welt dran war als die anderen und seine Lieder niemals im Abstrakten wurzeln ließ.

Als repräsentative Auswahl dieses Lebenswerks lässt sich "In Direzione Ostinata E Contraria" auf jeden Fall bezeichnen. Die 3 CDs bieten den derzeit geeignetsten Angriffspunkt für die erste Begegnung mit der Musik von Fabrizio de André, zumal sie von einem sehr üppigen, alle Liedtexte umfassenden Beiheft begleitet werden, dem allerdings noch eine kleine diskographische Übersicht den letzten Schliff gegeben hätte. Wer ihn zuvor nicht kannte, der wird nach dem Hören dieser Best-of womöglich auch nach den regulären Album Ausschau halten. Die sind, ebenso wie diese Box, zur Zeit nur in Italien, dafür aber allesamt leicht zum Standardpreis erhältlich.
Woran die vorliegende Auswahl jedoch krankt, ist ein leidiges Problem, das einen Großteil aller Anthologien betrifft. Der Fakt, dass die Lieder aus ihrem natürlichen Kontext gerissen werden, lässt sie gleichsam in einem anderen Licht erscheinen. Das wäre nur halb so schlimm, wären de André's Alben keine in sich geschlossenen Konzeptwerke, die oftmals ganze Geschichten erzählen, deren Lieder also sozusagen als zusammenhängende Kapitel fungieren. Man kann die hier ausgewählten Stücke folglich fast nur musikalisch betrachten, was umso schwerer fällt, da die lyrischen Qualitäten von de André, der im Grunde mehr Dichter als Musiker war, von großem literarischen Wert sind.
Auf eine andere Schattenseite wird man aufmerksam, wenn man von manchen Reaktionen aus Italien erfährt. Unter den treuesten Anhängern und Kennern gilt die Anthologie als "operazione commerciale", also eine rein kommerzielle Angelegenheit, die der Anarch de André niemals hätte gutheißen können. Sicher, BMG und Ricordi werden mit der Box nicht wenig Geld verdient haben, schließlich führte sie direkt nach Erscheinen im vergangenen November die italienischen Charts an. Dass das Interesse an dem Liedermacher aber immer noch ungebrochen ist, zeigt, wie viel Verlangen noch vorhanden ist, nach einem Poeten, der die Menschen versteht, der ihre Sprache spricht, nur schöner und ehrlicher. De André kann immer noch begeistern und er hätte sich gewundert. Über eine "operazione commerciale" gleichermaßen wie über die elitären Anwandlungen seiner Anhänger, die ihn nur für sich haben wollen.

Fabrizio de André
18.II.1940 - 11.I.1999

"Pensavo è bello che dove finiscono le mie dita
debba in qualche modo incominciare una chitarra."
-
"Ich dachte es ist schön, wenn dort, wo meine Finger enden
auf irgendeine Weise eine Gitarre beginnt."
 



 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Ricordi
» Fabrizio de André | offizielle Homepage
» Fabrizio de André | inoffizielle aber detailliertere Homepage


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