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Michael We.

FENNESZ: Mahler Remix

Zehnte Sinfonie vollendet?


FENNESZ: Mahler Remix
Genre: Ambient
Verlag: Touch


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Als die Stadt Wien 2011 mit ihrem Kreativbüro LIED LAB für das gleichnamige Festival jemanden suchte, der sich mit der Musik von GUSTAV MAHLER auseinandersetzen sollte, fiel die Wahl schnell auf FENNESZ. Bis auf die Tatsache, dass beide aus Wien stamm(t)en, fallen zunächst nur wenige Gemeinsamkeiten ins Auge. Der Gitarrist und Elektronikmusiker FENNESZ hat zwar schon Popsongs wie "Paint It Black" (ROLLING STONES) oder "Take On Me" (A-HA) adaptiert. Mit klassischen Motiven hatten seine Ambient-Landschaften bislang aber weniger zu tun. Dennoch, so viel sei vorab verraten, stellte sich die Symbiose als hervorragende Idee heraus.
Auf der Veranstaltung LIED LAB 2011 wurde der "Mahler-Remix" uraufgeführt, begleitet von einer visuellen Umsetzung des Berliner Videokünstlers LILLEVAN. Zwei weitere Auftritte in der ehrwürdigen CARNEGIE HALL in New York und in Istanbul folgten. Nun erscheint die Musik einige Jahre später zum Nachhören auf einer Doppel-LP. Ziel von FENNESZ war es, nicht am Original herumzudoktern, denn die Musik von MAHLER sei bereits perfekt, sagte er damals zur Uraufführung in einem Interview. So bediente er sich kleinerer und größerer Splitter aus den Sinfonien (neun an der Zahl, so wie die unvollendete zehnte) und bettete sie in einen neuen Kontext ein – Klassik trifft Electronica.

"Remix 1" erinnert von Beginn an deutlich an klassische Musik, wenn auch extrem verlangsamt. Einige Originalinstrumente wie Bläser oder Streicher sind in manchen Klängen zu erahnen, umgewandelt zu großen, weichen Drones, die sich aneinander schieben. Sie formen eine melancholische, manchmal auch nahezu dramatische Zeitlupen-Melodie. Die zweite Hälfte wirkt dunkler, aber nicht unangenehm, als wären die Töne ins Unterbewusstsein gewandert und würden sich dort fortsetzen. Weniger Bewegung, dafür große eisige Fläche, denen die im letzten Drittel auftauchenden, schnarrenden Bläser etwas zusätzlich Unwirkliches verleihen. "Remix 2" beginnt weniger sinfonisch, viele klassische Ambientsounds schnarren und klappern zu ruhigen Drones, weit und flächig. Ab der Mitte stoßen orchestrale Elemente dazu, Cluster aus verschiedenen Klängen formen eine gleißende, majestätische Masse. Zwischendurch sind zum ersten Mal die typischen FENNESZ-Gitarrensounds hörbar; einzelne, langsame und aufsteigende Töne, im weiteren Verlauf twangende Akkorde. Ganz am Ende vermischt sich alles mit dem Ambient-Orchester. "Remix 3" startet deutlich bedrohlicher, mit unheimlichen Tönen. Dark Ambient-Musik, die in der zweiten Hälfte auch mit noisigen, kratzenden Elementen arbeitet. Erst ganz am Ende beruhigt sich alles. Der kürzere Abschluss "Remix 4" besteht aus aufblühenden, wachsenden Drones, in die Chorelemente und die Gitarre eingebettet sind. Unterlegt von einem permanenten Rauschen bilden die rund zehn Minuten einen sich extrem einsam anfühlenden Ausklang.

Die MAHLER-Splitter in neuer Umgebung erinnern kaum an die Originalwerke, sehr wohl aber an MAHLER. Dieses mächtige, manchmal dunkle Ambient-Werk mit zarten Klassik-Anklängen macht der Melancholie und Verzweiflung des Spätromantikers alle Ehre. Man könnte es im Kontext als vollendete zehnte Sinfonie betrachten – wobei Klassikfans wahrscheinlich widersprechen würden. Spannende Idee, sehr edle und liebevolle Umsetzung, übrigens als stilvolle Doppel-LP!

Auschnitt aus der Uraufführung 2011



 
Michael We. für nonpop.de


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