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Dominik T.

ENCYCLOPAEDIA OF INDUSTRIAL MUSIC I

Wollt ihr den totalen Überblick? Von A bis C


ENCYCLOPAEDIA OF INDUSTRIAL MUSIC  I
Genre: Industrial/Noise
Verlag: Impulsy...


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Gemessen an der recht großen Wichtigkeit, die in der ursprünglichen Industrial Culture und der daraus entspringenden Postindustrial-Szene weltanschaulichen, literarischen, politischen und spirituellen Bezugspunkten eingeräumt wird und wurde, sind abgesehen von dem klassischen RE/Search „Industrial Culture Handbook“ eigentlich kaum projektübergreifende Textsammlungen erschienen, denen man eine Art Manifestcharakter zuschreiben könnte. Das ist eigentlich schade, denn wenn man sich die vorzugsweise in Internetforen schon seit Jahren stattfindende Diskussionen zu Projekten wie GENOCIDE ORGAN, CON-DOM und GREY WOLVES so anschaut, kann man schwerlich behaupten, dass daran kein Bedarf bestünde. Dies wird, wenn man fragt, von „Aktivisten“ dieser Szene auch durchaus zugegeben.  Es fehlt so etwas wie ein „Postindustrial Culture Handbook II“, in  diesem könnte man dann maßgebliche Projekte der „Nach TG“-Zeit befragen, beispielsweise GENOCIDE ORGAN, BRIGHTER DEATH NOW, CON-DOM und HAUS ARAFNA. Es könnte dann auch ähnlich aufgebaut sein mit Literaturliste und dergleichen, so würde sich der Manifestcharakter nicht durch Vereinheitlichung ergeben (kann ja sein, dass ein WILHELM HERICH die Dinge ganz anders sieht als ein ROGER KARMANIK), sondern einfach durch Sorgfalt, Differenzierung und genug Platz für freie Rede. Ich weiß, dass dazu mehr oder weniger Bereitschaft bestünde, allein es fehlt ein Autor, der seinen Arsch hochbekommt. 

Immerhin aber gibt es jetzt in Polen einen Herrn namens RAFAL KOCHAN, der in ähnlicher Hinsicht etwas anzupacken versucht und dabei glücklicherweise auch mehr Grips im Hirn zu haben scheint als jener Ungar mit seinem grandios gescheiterten „Military Pop“-Buch, das kaum jemand gesehen hat und das dann, ALBIN JULIUS (DER BLUTHARSCH) sei Dank, wieder aus dem Verkehr gezogen werden musste (man hat, ganz ehrlich, auch nichts verpasst).
Im Einzelnen bemüht sich RAFAL KOCHAN um eine „Encyclopaedia Of Industrial Music“ in Serie (vorliegend bisher nur Vol. 1, das heißt von „A bis C“ und jetzt ganz frisch auch Vol. 2 "D bis I"), also auch hier nichts mit „Postindustrial Culture Handbook“, aber immerhin eine ziemlich nützliche Fleißarbeit, vorausgesetzt die Fakten stimmen. Wenn man dann irgendwann einmal bei „Z“ angelangt ist, würde sich zwar kein Manifest, aber doch ein Panoramaüberblick über alles "Industrial"-artige ergeben – von den Vorläufern bis zur heutigen Zeit. Für einen kurzen Zeitmoment (Merke: alles fließt) wäre alles so schön „komplett“, was natürlich für anale Charaktere, die unter Industrialfans überproportional auftauchen, oberstes Gütesiegel ist.

Die 85 großformatigen Seiten (ohne das vorhandene Register) machen insgesamt einen sehr guten und auch recht vollständigen Eindruck. Eine absolut lückenlose Erfassung aller "Industrial"-artigen Projekte, etwa aus der "Kassettenzeit", ist illusorisch, von so einem Anspruch sollte man sich verabschieden. Es wird nicht gelingen, wer es versucht, überschätzt sich. KOCHAN befindet sich, wie jeder, der an seiner Stelle stünde, im Bereich der Annäherung, und ich hoffe für ihn, er glaubt nicht wirklich, dass er alles erfassen kann. 
Freilich fällt es so  schon schwer zu sagen, ob KOCHAN ein Projekt vergessen hat, denn dazu müsste ich wissen, was ich nicht weiß, ganz davon abgesehen, dass ich das Buch nicht mit dem Ehrgeiz gelesen habe, unbedingt Versäumnisse zu finden, vielmehr wurde ich auf Projekte und Künstler gestoßen, die mir bisher völlig unbekannt waren, z.B. die hier oder der. Das ist ja das Schöne am Lexika-Lesen. Spontan fiel mir nur, äußerst störend auf, dass COUP DE GRACE (obwohl BLOOD AXIS drin ist und CDG dort sogar erwähnt wird) und CYCLOBE (!) fehlen.  Zudem ist GLENN BRANCA nicht aufgeführt, aber vielleicht war dem Verfasser das zu weit vom „Industrial“ entfernt?  Aber warum sind dann JOSEPH BEUYS, JOHN CAGE, HENRY CHOPIN und Konsorten drin? Ebenso habe ich BEARER OF THE INMOST SUN vermisst, aber vielleicht ist ihm das zu sehr „Neofolk“, wobei dann wiederum (wie gesagt) BLOOD AXIS und ALLERSEELEN dabei sind.  Im Übrigen hoffe ich, KOCHAN wird DER BLUTHARSCH unter „D“ vermerken, denn unter „B“ ist er nicht.  

Inhaltlich gehen die Lexikoneinträge (immer jeweils mit einer zumindest Teildiscographie) meist in Ordnung. KOCHAN hat sich da für eine neutrale Darstellungsweise entschieden. Damit bin ich einverstanden, man muss nur wissen, dass das zu Lasten des Unterhaltungswertes geht und außerdem damit nichtssagenden Floskeln Tor und Tür geöffnet wird (wobei "Tor und Tür" natürlich auch eine ist). Ich habe irgendwann die Projekte, die nach KOCHANs Schreibe (denn "Meinung" ist es ja grad nicht)  „Live für Furore“ (oder auch wahlweise „Aufsehen“) sorgten, gar nicht mehr gezählt. Im Grunde gibt es, folgt man dem Lexikon, gar kein Industrialprojekt, das live nicht „für Aufsehen“ sorgt, was wiederum dem Begriff „Aufsehen“ seine Bedeutung raubt; und ich habe das durch einige sterbenslangweilige „Industrialkonzerte“ sowieso anders in Erinnerung, aber egal, sind alles Feinheiten. 
Manchmal, aber zum Glück sehr selten, sind die Sachverhalte auch inhaltlich unglücklich ausgedrückt bzw. falsch gewichtet, so heißt es bei ANENZEPHALIA: „He conjured up a futuristic vision of a new world order based on racial ideas …“, wohingegen es bei dem klaren White Power-Electronics Projekt BRETHREN lediglich lapidar und euphemistisch heißt: „Uncompromising lyrics deal with current global political events, sensitive social and racial issues …“
KOCHAN bemüht sich lobenswerterweise auch immer Lexikonartikel zu hier relevanten „Nicht-Musikern“ zu verfassen, so finden wir in Vol. 1 u.a. Artikel zu KENNETH ANGER, STAN BRAKHAGE, JAMES GRAHAM BALLARD, TREVOR BROWN, ANTONIN ARTAUD, ALEISTER CROWLEY und natürlich WILLIAM BURROUGHS. Ich denke, so etwas muss sein, nur überspannt KOCHAN den Bogen manchmal. Artikel zu ADORNO, GEORGES BATAILLE oder JACQUES ATTALI hätten nicht unbedingt sein müssen (beim Letzteren hat es damit zu tun), denn 1. Kann man das auch in einem normalen Philosophielexikon nachschlagen bzw. ist die Beziehung zur Industrial Culture nicht so eng wie etwa bei BURROUGHS oder BRAKHAGE (ARCHITECTS OFFICE), 2. Kann man da ganz spielerisch leicht Streit anfangen: Warum ADORNO und nicht (um bei „A bis C" zu bleiben) EMILE CIORAN (großer Einfluss auf nicht nur ASMUS TIETCHENS) oder HUGO BALL (CABARET VOLTAIRE)? … aber sollte der Wiesengrund KOCHANs persönlicher Lieblingsphilosoph sein, sei ihm dieses Fleißkärtchen auch gegönnt. 
Insgesamt möchte ich auch nicht verschweigen, dass das selbstverständliche Nebeneinanderstellen irgendwelcher „Industrial Culture“ Aktivisten, obskurer Power Electronics-Haudegen und akademischen Experimental-Soundtüftlern etwas plan- und willenlos wirken kann. Blättere ich im Ergebnis einer Beschäftigungstherapie?

Für viele Konsumenten entscheidender dürfte indes die beigefügte Doppel-CD-R sein, die sinnigerweise meist unveröffentlichte Tracks solcher Künstler und Projekte aufführt, deren Namen mit „A“, „B“ oder „C“ anfangen. Auf die großen Fische wie meinetwegen MAURIZIO BIANCHI, BLOOD AXIS, CLOCK DVA, COIL, CHRIS & COSEY, CURRENT 93 oder CABARET VOLTAIRE musste er freilich beim Zusammenstellen verzichten, stattdessen ist dann beispielsweise BEEQUEEN, BARDOSENETICCUBE, BLACK LEATHER JESUS und COSTES dabei. Ja, das ist eine gute Sache und eine recht spannende Compilation, die sich auch ohne „Encyclopaedia“ lohnen würde. Beim gerade erschienen Nachfolgeband „D bis I“, sind dann immerhin schon bekanntere Namen dabei. Dazu vielleicht, wer weiß, später an gleicher Stelle mehr ... 


 
Dominik T. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» IMPULSY STETOSKOPU


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