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Michael We.

CURRENT 93: I Am The Last Of All The...

...Field That Fell. Die Gäste sorgen für Höhepunkte


CURRENT 93: I Am The Last Of All The...
Genre: Neofolk
Verlag: Coptic Cat
Medium: CD / 2xLP
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Der ANTONY-Song des Albums...

Ich hatte das Vorwort zu diesem Album schon im Kopf, bis mir beim Stöbern in älteren Besprechungen auffiel, dass ich es sogar schon aufgeschrieben habe. Und zwar im Artikel zum bislang letzten Vollzeitalbum von CURRENT 93, "Honeysuckle Æons" (2011, Besprechung), also vor etwas mehr als zwei Jahren. Was dort steht, gilt eigentlich immer noch eins zu eins und klingt 2013 ungefähr so:
Die Karriere von DAVID TIBET habe ich in den vergangenen Jahren nicht mehr so intensiv verfolgt, weil mich die schiere Masse an Veröffentlichungen - nicht nur musikalischer Art - erschlug. Bilder, Bücher, Bilderbücher, Texte, neue Projekte, wiederaufgelegte Alben, alles in zigfacher Ausführung, bis hin zur 2011 schon erwähnten, von TIBET persönlich gestalteten Einkaufstüte. Als Beispiel ein kleiner Auszug aus den Mailings zum neuen Album: "The CD has a domestic release and a North American release. The 2LP in its three versions only has a domestic release. The recording and mixes are the same on all the five, and the artwork and booklets identical except for one feature." Auch schön: der damals auf 1000 Stück limitierte Mono-Mix (!) von "Aleph At Hallucinatory Mountain" unter anderem Namen ("Monohallucinatory Mountain"). Schon zu Neofolk-Zeiten trieb DAVID TIBET Sammler mit vielen (gefühlt: endlos vielen) Auflagen seiner Musik in den Wahnsinn.
Auf der anderen Seite ist es immer noch bemerkenswert, mit welcher Energie und mit wie vielen Ideen sein Projekt CURRENT 93 sich vom bloßen Neofolk gelöst hat, im Gegensatz zu anderen ehemaligen Mitstreitern, die ihren Lebensunterhalt scheinbar ausschließlich durch teure Neuauflagen alter damaliger Werke bestreiten. Der Kunstbetrieb nimmt ihn ernst, seit dem fulminanten "Black Ships Ate The Sky" (2006, Besprechung) gastiert er hin und wieder in den Feuilletons, und als musikalischer Mentor hat er in den vergangenen Jahren immer wieder Künstler entdeckt, gefördert und ihnen zu Bekanntheit verholfen, wie etwa BABY DEE (auf dem neuen Album nicht dabei) oder ANTONY HEGARTY (dabei).

"I Am The Last Of All The Field That Fell" heißt das neue Werk, zu dem es inhaltlich vorab erstaunlich wenige Infos gab. Die Songtitel deuten allerdings darauf hin, dass sich C93 von der "Anok Pe"-Trilogie, der von TIBET erfundenen und erzählten fiktiven Schöpfungsgeschichte und deren Nachklängen, endgültig verabschiedet haben. Die umfassende Liste der rund 15 beteiligten Musiker, die im Vorfeld kursierte, macht sehr neugierig auf das Werk: unter anderem sind JAMES BLACKSHAW, OSSIAN BROWN, wie erwähnt ANTONY HEGARTY, ANDREW LILES, JOHN ZORN, JACK BARNETT von THESE NEW PURITANS und (!) NICK CAVE vertreten. NORBERT KOX, hauptsächlich Maler apokalyptischer Bilder, hat ein exklusives Gedicht beigesteuert. Mir liegt nun die UK-Version der CD zum Reinhören vor...

Die äußerst klassische Anmutung, mit der "The Invisible Church" (01) beginnt, zieht sich durch das gesamte Album. Klavierläufe zwischen Moderne und Impressionismus leiten das Stück ein, erst nach und nach gesellen sich zu dem dezenten Schlagzeugbecken im Hintergrund weitere Instrumente, etwa eine twangende und sehr schräge Gitarre. An TIBETs Sprechgesang hat sich nichts geändert, seine elegische, auf sich selbst konzentrierte Stimme wird ab und zu begleitet von einer Frau. Wie viele weitere Songs ist dieser nicht betont schön und wohlig, sondern wirkt streckenweise eher improvisiert und deshalb etwas kratzig. In "Those Flowers Grew" (02) ergänzen sich die langen Klavierläufe mit einem melancholischem Saxofon, TIBETs schnarrende, näselnde Stimme predigt lyrisch und steigert sich passend zu den zunehmend abgedrehten Instrumenten, bis er zur zerrenden E-Gitarre und zum quietschenden Saxofon fast schreit. Auch "Kings And Things" (03) wirkt klassisch, wie eine durch Stimme und Töne erzählte, filigrane Geschichte, wobei die einzelnen Instrumente unterschiedliche Stimmungen darstellen.
Nach weiteren Stücken mit Klavier, Schlagzeug und einigen satten E-Gitarren-Akkorden frage ich mich langsam, wo eigentlich die ganzen vielen Musiker versteckt sind, bis dann in "Mourned Winter Then" (06) ANTONY zu singen beginnt, unverkennbar. Zu der reinen Pianobegleitung macht sich seine Stimme einfach besser als die von TIBET, eben weil er wirklich singt. Tragisch, traurig und nur unterstützt von leisen Summern ist dieses Lied einer der Höhepunkte, hymnenhaft und selbstvergessen. Die nächsten beiden Tracks bieten im Vergleich zu den ersten wenig Neues, erst "I Remember The Berlin Boys" (09) sorgt für Leben. Zu einer bekannten (klassischen?) Klaviermelodie singt DAVID TIBET, was auf diesem Album allein schon recht auffallend ist, und dazu kommt eine rhythmische Beschwingtheit. Leider ist aber auch dieses Stück - wie einige andere - einfach ausgeblendet, eine Todsünde, wie ich finde. "Spring Sand Dreamt Larks" (10) behält den stringenteren Rhythmus bei, setzt neben das perlende Klavier ein irres Saxofon, bevor in "I Could Not Shift The Shadow" (11) - endlich - NICK CAVE übernimmt. Zu einer einfachen Melodie im Walzertakt sinniert er vor sich hin, brummelt und singt, zart und feinfühlig, so dass der Schlusstrack neben ANTONY HEGARTYs Stück eindeutig das Highlight ist, zum Ausklang mit weichem Saxofon untermalt.

Unstrittig, dass "I Am The Last Of All The Field That Fell" wieder eine Energieleistung von DAVID TIBET ist, der sich in jedes Lied hineinkniet wie in das wichtigste Ereignis seines Lebens. Instrumentierung - sehr viel basiert auf Klavierlinien - und Songstruktur sind häufig klassisch und wirken an manchen Stellen improvisiert, wenn zum Beispiel Saxofon und Schlagzeug einsetzen. Als ob Stücke in einem einzigen Livedurchgang eingespielt worden wären. Zur Abwechslung taucht das ein oder andere Prog-Element - zum Beispiel eine Querflöte - auf. Die ersten Tracks gehen noch unter die Haut, aber über Albumdauer stellt sich manchmal das Gefühl der Gleichförmigkeit ein; nicht umsonst fallen ausgerechnet die zwei Songs mit Gastsängern sehr positiv auf. Für meine Ohren nicht der ganz große Wurf - ich bin gespannt, was DAVID TIBET auf den Deutschland-Konzerten in den kommenden Wochen präsentiert und ob manche Liveversionen von "I Am The Last..." vielleicht etwas überraschender und aufregender sind. Die Einkaufstasche werde ich mir so oder so nicht kaufen...

 
Michael We. für nonpop.de


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Zusammenfassung
Unstrittig, dass "I Am..." wieder eine Energieleistung von TIBET ist, der sich in jedes Lied hineinkniet. Die ersten Tracks gehen noch unter die Haut, aber über Albumdauer stellt sich manchmal das Gefühl der Gleichförmigkeit ein; nicht umsonst fallen ausgerechnet die Gastsänger positiv auf.

Inhalt
CD oder 2LP in unterschiedlichen Versionen

01. The Invisible Church
02. Those Flowers Grew
03. Kings And Things
04. With The Dromedaries
05. The Heart Full Of Eyes
06. Mourned Winter Then
07. And Onto PickNickMagick
08. Why Did The Fox Bark?
09. I Remember The Berlin Boys
10. Spring Sand Dreamt Larks
11. I Could Not Shift The Shadow

~ 67 min.
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