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Dominik T.

CADAVEROUS CONDITION: Songs

Songs For And From The Crooked Path


CADAVEROUS CONDITION: Songs
Genre: Death Folk
Verlag: Fuck Off & Di
Vertrieb: Steinklang


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Über CADAVEROUS CONDITION habe ich auf NONPOP bereits anlässlich ihres 2006er Albums „To The Night Sky“ sehr ausführlich geschrieben. Daher nur eine ganz kurze Wiederholung: CADAVEROUS CONDITION gehören zu den ganz wenigen Death Metal Bands der letzten zwanzig Jahre, die wirklich von sich behaupten können, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Diese, vielleicht gar nicht einmal nur angenehme Zwischenlage, dürfte sich bei den Österreichern auf ganz natürliche Weise ergeben haben. Gestartet ist die Band bereits 1990, damit gehören sie noch zu der Generation der großen, auch international anerkannten, österreichischen Extrem-Metalbands der Sorte PUNGENT STENCH, DISHARMONIC ORCHESTRA und DISASTROUS MURMUR, und wie das bei jeder Band der Spielart der Fall ist, war die erste Motivation damals die Liebe zum Metal, genauer dem damals noch aufregenden Death Metal in seiner simpelsten MASTER-, MASSACRE-, POSSESSED-„Power Style“-Variante. Doch die Musiker hörten „privat“ auch andere Musik und wurden jeden Tag ein klein wenig älter. Bei ihrer Musiksuche jenseits ihrer eigenen Death Metal-Szene stießen sie früh auf apokalyptische Postpunk- und Folk-Projekte wie besonders DEATH IN JUNE, SOL INVICTUS und CURRENT 93. Man war begeistert, ja wurde zum Fan, und genauso liebte man immer mehr Bands aus tausend anderen Genres. Was also tun mit CADAVEROUS CONDITION? Aufhören, nur weil man sich innerlich verändert hat? Kommt nicht in Frage, dafür macht es ihnen doch zu viel Spaß, diesen simplen Death Metal zu spielen. Die Band begann allmählich, aus der Not der Entfremdung von Death Metal-Schlächterklischees eine Tugend zu machen, fing an, genreuntypische, schwermütige, aber nicht besonders blutrünstige Lyrics zu schreiben, schnitt sich die langen Heavy Metal-Haare ab und präsentierte sich allgemein den Death Metal-Szenestandards zuwiderlaufend. Unterstützt wurde diese Subversion dadurch, dass man in Österreich mit dieser Attitüde nicht ganz allein war, das Land war international geradezu eine Hochburg des zwar morbiden, aber doch von einem eigentümlichen Ästhetik- und Humorverständnis getriebenen Death Metals und Grindcores, und auch im Ausland entstanden, wenn auch nur ganz wenige, jener „anderen“ Death Metal Bands wie etwa EISENVATER aus Hamburg oder XYSMA in Finnland, die sich alle zusammen gegenseitig sozusagen "moralische Unterstützung" auf dem Weg in die komplette Isolation boten.
Ein wichtiges Markenzeichen von CADAVEROUS CONDITION sind immer mal wieder eingestreute Folksongs, die mit dem typischen Death Metal-Gebelle begleitet werden, viele sprechen hier mittlerweile von "Death Folk".
Ein weiteres, markantes Merkmal sind die Kollaborationen mit Heavy Metal-fremden Künstlern und Coverversionen aus anderen Musikbereichen, so arbeitete man u.a. mit BILL DRUMMOND (THE KLF), MATT HOWDEN und CHANGES zusammen (und vielleicht bald mal mit NURSE WITH WOUND) oder versuchte sich an Coverversionen von REPTILICUS, GRAUZONE, BONNIE PRINCE BILLY, DEATH IN JUNE und, und, und...

„Kommerziell“ hat die Sonderstellung der Band in den siebzehn Jahren ihrer Existenz offenbar nicht so recht genutzt. Man krebst so herum, ist anscheinend dazu verdammt, praktisch nach jeder Veröffentlichung die undergroundige Plattenfirma zu wechseln, aber die Band hat dennoch eine eingeschworene Fangemeinde und zu dieser gehört wohl auch der berühmte Rockkritiker und Musiker JULIAN COPE, der nun auf seinem Label FUCK OFF & DI mit Unterstützung von STEINKLANG-DISTRIBUTION ein „Best Of“-Album der folkigeren Stücke von CADAVEROUS CONDITION unter dem sinnigen Namen „Songs For The Crooked Path“ (innen steht „Songs For And From The Crooked Path“ und „Songs For The Death Of Dreams“) präsentiert. Berücksichtigt wurden dabei tatsächlich alle Vollzeitalben von der ersten CD „In Melancholy“ (1993) bis hin zu „In The Night Time“ aus dem letzten Jahr, aber auch schwer zu findendes Material von einer früheren Zusammenstellung namens „Nostalgia (Diary 1990-1999)“, sowie ihre komplette Seite des EIS & LICHT Splitvinyls mit CHANGES sind hier zu finden.
Beim Hören wird dann schnell klar, dass doch nicht nur ihre folkige Seite präsentiert wird, wie angekündigt, richtiger ist: CADAVEROUS CONDITION präsentieren hier viele, ja fast alle Stücke ihrer Karriere, die nicht in jenem Death Metal-Power Style gehalten sind, sondern eben u.a. auch folkig sind oder ungezwungenen, psychedelischen Rock präsentieren, immer mit Death Metal-Stimme, wobei WOLFGANG WEISS nicht „grunzt“, sondern sehr tief, sicherlich verstellend, aber doch akzentuiert singt. Klarstimmen tauchen allerdings, u.a. jene von RICHARD LEVY (OSTARA), auch auf. Stilistisch lässt sich streckenweise von einem schwermütigen Folk sprechen, der, ohne dass ich hier übertreibe, durchaus mit manch einer MICHAEL CASHMORE/CURRENT 93-Komposition zu „Of Ruine Or Some Blazing Starre“-Zeiten (1994) zu vergleichen wäre. Selbst der Gesang wirkt in dem Sinne sogar ein bisschen ähnlich wie DAVID TIBETs Organ, natürlich nicht, weil eine Verwechslungsgefahr besteht, sondern weil beide ungeheuer markant sind und mit den Akustikgitarren eine Symbiose eingehen, die einem auch nach Jahren des obskuren Musikhörens ein erstauntes „Oh wie ungewöhnlich und doch so passend“ entlocken kann.
Man kann nun etwas länger darüber räsonieren, ob diese Zusammenstellung eigentlich nun, wenn sie rockt mit Stromgitarre und Schlagzeug – und das kommt durchaus häufig vor – eigentlich nun musikalisch „brutal“ ist, immerhin handelt es sich bei CADAVEROUS CONDITION trotz alledem um eine Death Metal Band (und das ist den Österreichern auch bis heute keineswegs peinlich). Ich vermute, daß Hörer, die eine lange Death Metal-Hörerfahrung haben, viel schneller das Psychedelische und vor allem das Schwermütige und Isolationistische der hier gebotenen Rock- und Folkrocknummern wahrnehmen können, eben weil sie sich nicht mehr von der Stimme oder den Metalansätzen beim Schlagzeug und E-Gitarrenspiel irritieren lassen. Das Beschreiben der Musik ist hier aber auch wirklich recht knifflig, weil im musikalischen Rahmen, neben CURRENT 93, auch immer eine Art METALLICA „Nothing Else Matters“-Balladenstil enthalten ist, nur besser, ungewöhnlicher und anders. Außerdem ist eine JOHNNY CASH-Inspiration spürbar. Death Metal-Experten ist vielleicht auch mit der Erinnerung an zwei alte schwedische Bands geholfen, nämlich FURBOWL und AFFLICTED. Beide boten Anfang der 90er Jahre lockeren, rockigen, psychedelischen, von THE DOORS beeinflussten Death Metal. So klingt das, was CADAVEROUS CONDITION fabrizieren, wenn sie keinen simplen Death Metal spielen, also am ehesten wie eine Kreuzung aus CURRENT 93 und AFFLICTED, beseelt vom Geiste JOHNNY CASHs und BONNY PRINCE BILLYs und zusätzlich garniert mit dem Geiste guter alter Rockballaden. Ohne dies recht begründen zu können, muss ich auch gerade bei den untypischen Death Metal-Nummern immer wieder an Filme von WIM WENDERS denken, macht euch einen eigenen Reim drauf.
Ganz besonders hervorzuheben sind auch hier wieder die beiden ebenfalls auf dem Album zu findenden Coverversionen. Diese wären „Black“ von eben jenem BONNIE PRINCE BILLY und der rockige, psychedelische „Gute Laune-Song“ „Up The Ass Of A Swan“, der im Original von TODD DILLINGHAM geschrieben wurde, einem Musiker aus dem Umfeld von NICK SALOMAN / BEVIS FROND, der sich mit CADAVEROUS CONDITION auch schon einmal die Spielzeit einer CD teilte ("Tryst", 1997).
Als musikalische Gäste sind neben RICHARD LEVY (OSTARA), der geigende MATT HOWDEN und ROBERT N. TAYLOR von CHANGES zu hören, der „Time“ im Duett mit WOLFGANG WEISS singt.

Fazit: Ein Super Album, welches überhaupt keine Ausfälle kennt und CADAVEROUS CONDITION von ihrer allerfeinsten Schokoseite präsentiert, so wie das bei „Best Ofs“ auch sein sollte. Bleibt zu erwähnen, dass derjenige, der im Besitz der kompletten CADAVEROUS CONDITION-Discographie ist, sich dieses Album auch selbst zusammenstellen kann, weil nichts bisher Unveröffentlichtes geboten wird. Da jedoch vieles nicht mehr zu bekommen ist, dürfte eine solche, auf stilistisch Abseitiges fokussierte Best-Of vollkommen berechtigt sein. Wer Death Metal und seine „Sänger“ nicht abhaben kann, sollte hier wirklich mal den Selbstversuch unternehmen, nicht so schnell aufgeben und das Album hören, bis es gefällt und man sich eingehört hat, denn es lohnt sich sehr und man bekommt viel zurück! Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man das Bereichernde dieser Art von Stimme erkennt und sie einem gar nicht mehr als etwas „Fremdes“ auffällt. Musikfans mit Death Metal-Sozialisation sind hier klar im Vorteil, aber diesen Vorsprung gilt es, der hier gebotenen Musik zu liebe, aufzuholen!

 
Dominik T. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» CADAVEROUS CONDITION
» CADAVEROUS CONDITION @Myspace
» JULIAN COPE-Rezension

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» CADAVEROUS CONDITION-Kopf: SISTERS OF MERCY-Cover
» CADAVEROUS CONDITION: neues Album
» CADAVEROUS CONDITION remixed NURSE WITH WOUND etc.

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