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Betonbruch am 19.7.2008


Betonbruch am 19.7.2008
Kategorie: Spezial
Wörter: 1477


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Es war einer dieser Tage, an denen man eher Wasser als Luft einatmet. Ich packte mein Notebook ein und begab mich zur Pettenkoferstr. 4c in Fhain. Keine 100 Schritte später fing es an zu regnen, also eilte ich zurück, schnappte mir meinen Schirm und steuerte mein Ziel an. Gegen 18:30 Uhr erreichte ich das Gelände. Berliner Hinterhöfe sind groß, ja viel zu groß. Der Regen endete. Zu meiner Linken war eine Strandbar: ohne dazu passendem Meer, dafür mit einladenden, großen Sesseln. Ich setzte mich. Mein Regenschirm, die alte Krücke, hatte das Schlimmste zu verhindern gewusst. Ich atmete durch. Keine Minute später wurde ich auch schon mit einer Bratwurst und einem Bier begrüßt. Das Durchatmen verlängerte sich angenehm und ich machte mir ein erstes Bild. Vor der Strandbar stand eine Skulptur (verantwortlich: MALICE) aus mehren Gummipuppen, wobei man bei der einen Figur den Kopf gegen einen zusätzlichen Phallus ausgetauscht hatte und der anderen ein Innenleben aus Draht hatte angedeihen lassen. Zehn Schritte vor der Strandbar wurde eine Kasse aufgebaut. und mehrere Kästen Bier stapelten sich hinter einem Tisch und zwei Stühlen. Die Bar wurde aufgestockt, daneben ein Grill, der schon vorlegte, zum einen für die eintreffenden Künstler, zum anderen, weil man mit Publikum rechnete. 7000 Flyer wurden verteilt, jeder Künstler inklusive mir, machte zusätzlich noch Werbung über das Internet. Der Eintrittspreis lag bei "unverschämten" 4 Euro – 4 Euro, dem Preis einer Schachtel Zigaretten. Ich sprach mit Tim, dem Veranstalter, wegen des Soundchecks, und wann ich denn nun wo genau auftreten soll. Ich wurde auf ein Haus am anderen Ende des Geländes verwiesen. Wegen humorloser Anwohner konnte man die Konzerte bedauerlicherweise nicht open air präsentieren. Ich betrat das Haus. Eine halbe Treppe hoch, zwei große offene Räume mit Bühne. Mir steuerte ein Mann entgegen, der sich mit Adrian vorstellte. Adrian war der Tontechniker und er wies mir den linken Raum zu. Hinter einem Pult standen zwei aufgeklappte Notebooks, hinter den Notebooks zwei konzentrierte Gesichter.
Neben dem linken Notebook stand ein kleiner putziger Mini-Synthie (Wird der noch groß?) und das dazugehörige konzentrierte Gesicht probierte an beiden so ein bisschen rum. Ich begrüßte sie mit einem "Tach", stellte meinen Rucksack in eine Ecke und ging erstmal wieder nach draußen, um mir ein neues Bier zu holen. KOLBEN, so nennen sich die Beiden, artikulierten ein "Hallo" und waren dann wieder ganz bei ihren Notebooks. Ich hatte ein neues Bier und begab mich zu Strandbar. Hinter mir wurde die Problematik der Neuberliner andiskutiert mit den Symptomen der nicht enden wollenden Cocktailbars in der "Simon-Dach-Str.", den Dorfdiskoveranstaltungen im "Berghain" und "Magnet", den ansteigenden Mietspiegel, den Yoga-Unterricht für Unter-10jährige, den Wohnungen mit beheiztem Pakettfußboden und passenden Designermöbeln. Adrian klopfte mir auf die Schulter. Es war Zeit für den Soundcheck.
Im Raum angekommen, packte ich mein Notebook aus, versorgte es über einen Adapter mit Strom und schloss es an die Anlage an. Ich probierte das Frequenzspektrum durch und war mit dem Sound zufrieden. Die Jungs von KOLBEN hörten zu. Nach dem Soundcheck kamen wir ins Gespräch, wobei der Themenschwerpunkt auf Equipment, Musiksoftware und "Nic Endo" lag. Sehr angenehme Menschen. Es war 20 Uhr. Das Festival war offiziell eröffnet. Ich ging wieder nach draußen, lehnte mich gegen die Mauer und beobachtete wohlwollend, dass die ersten Gäste ankamen. An der Strandbar wurde leichte elektronische Musik aufgelegt, die Bar durfte trockene Kehlen bewässern, der Grillmeister bot Bratwürste und Steaks feil. Die massive Werbung hatte sich tatsächlich ausgezahlt. Es sollten bis Mitternacht 500 zahlende Gäste werden.
Gegen 20:30 Uhr starteten zeitgleich KUNST ALS STRAFE und GITARRE. Nach anfänglichem Switch entschied ich mich, den KUNST ALS STRAFE-Gig zu verfolgen. Ihre Musik lässt sich als Mixtur aus frühen SPK und DIDAKTISCHE EINHEIT bezeichnen, welche man erfolgreich in das Jahr 2008 transportieren kann. Zwei Männer an den Synthies/Notebooks, ein Sänger mit Blättern voller Cut Ups, eine Sängerin mit Diktiergerät, die sich den Auftritt über selbst sampelte. Alle vier in Bondage-Klamotten. Klasse! Ich hoffe, man hört bald mehr von Ihnen. GITARRE ein Urberliner Liedermacher, erinnerte mich an RIO REISER. Sowohl textlich als auch stimmlich. Ich denke der Name braucht keine weiteren Erläuterungen. Ich befriedigte mein Bedürfnis nach frischer Luft und schlenderte über das Gelände. Da kam mir ein guter Freund entgegen. Wir begaben uns zur Strandbar und deckten uns mit Bier und Gegrilltem ein. In der Strandbar wurden Visuals präsentiert (verantwortlich: MANIACO, EYEFATIGE). Einen thematischen Zusammenhang konnte ich nicht erkennen, was allerdings auch nicht weiter schlimm ist. Es war angenehm, darauf zu schauen, während man aß, trank und plauderte.
Es zog uns wieder hinein. KOLBEN: unernst selber, Spiel, fluffige Beats umkreisten einen harmonisch-melodischen Kern traumschmieresken Ausgangsmaterials. Was ineinander tönte, war koloristisch ausgewogen. Weiter so! Ich saß auf einem Sofa. Ein paar Leute tanzten. Die Stimmung stieg. Ich verfolgte so 20 Minuten lang den Auftritt und begab mich erneut zur Strandbar. Man hatte mir zugetragen, dass die Lesungen bereits angefangen hatten. CONSTANTIN VON BEHLINGHAUSE wertete textlich Statistiken zu Unfällen, Unglücken und Anschlägen aus. Er war angezogen wie ein AOK-Klinkenputzer und drei Männer müssen in seinem Leben einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben: KURT KRÖMER (Mimik und Gestik), FRIEDRICH SCHILLER (das leicht suizidale Timbre) und JACK DANIELS (...). Ich weiß bis jetzt noch nicht, ob es mir nun gefallen hat oder nicht. Seine Vortragsweise wirkte wie ein Sparkassenlümmel mit einer Affinität für Fencheltee mit Schuss. Jedoch war es nicht der übliche Poetry Slam-Kalauer-Marathon und sein Text hatte Qualität.
Adrian kam auf mich zu. Mittlerweile war es 23:50 Uhr, und es war Zeit für meinen Auftritt. Nun habe ich beschlossen, meine Musik nicht näher zu kategorisieren. Wer mich nicht kennt, findet mich über und auf einem großen Selbstdarstellerforum im Netz und diversen kleinen Labels. War ich mit dem Auftritt zufrieden? Ja, das war ich. Gefrikkelt habe ich vor circa 100 Leuten. Manchmal lernt man während eines Auftrittes merkwürdige Gestalten kennen. Währen meines Gigs kam zu erst ein Typ auf die Bühne und brüllte mir in mein Ohr "Hey, magst du SCORN?" Etwas verblüfft huschte ein "Ja" über meine Lippen. Er grinste und begab sich wieder in die Menge. Zehn Minuten danach begab sich ein weiterer Kommunikationsbedürftiger direkt vor meinen Gehörgang und fragte: "Kannst du auch was Loungiges spielen? Der Raum lädt irgendwie dazu ein." Ein "Ja" von mir. Später war er auch schon wieder weg. Unnötig zu erwähnen, dass ich selbstredend nicht auf seinen Wunsch einging, und der Raum war auch mit Sicherheit nicht loungig. Dreißig Minuten dauerte es, danach klappte ich mein Notebook zu, erntete Applaus und begab mich in die Menge.
Sofort sprach mich eine Internetbekanntschaft an, die ich seit einiger Zeit pflege. Er betreibt in seiner Freizeit ein Netlabel und war wohl erst seit kurzem auf dem Festival. Ein Freund von mir kam dazu und wir beschlossen den Abend mit Bier zu beglaubigen. Also mal wieder zu Strandbar. Derweilen gestaltete sich die Suche nach einem Sitzplatz als ausgesprochen schwierig. Die Leute hatten halt eben schon getrunken und die Sessel dienten einigen bereits als Schlafgelegenheit. Wir wurden schließlich fündig. Ein Paar in Schaf- und Wolfkostüm tummelte sich zwischen den abgewetzten Ottomanen und das Schaf, weiblich, landete schließlich bei uns. Es verweigerte sich jeder verbalen Kommunikation. Nach fünf Minuten kam ich auf die Idee, dass es vielleicht nur eine Zigarette haben wollte. Dem war dann auch so. Es eilte davon und ärgerte den servilen, vermutlich männlichen Wolf.
Hernach zurück ins Haus. Der linke Raum diente mittlerweile als Clubraum für alles, was irgendwie mit Gitarre zu tun hat. Im rechten Raum spielten KRANKHEIT DER JUGEND. Tim, der Veranstalter, ist Sänger und Gitarrist der Band. Der Raum hatte seine Auslastungskapazität gefunden und ich hatte Schwierigkeiten, einen Blick auf die Band zu erhaschen. Ihr Stil lässt sich als Potpourri aus frühen NEUBAUTEN, Depro Punk und elektronischer Musik der letzten 20 Jahre bezeichnen. Ein schweißtreibender, mitreißender Auftritt. Grundlegend proper. Die Sauerstoffversorgung im Gebäude übte sich in Zurückhaltung, also wieder nach draußen. Dort diente das üppige O2 als Rüstzeug für eine Feuerspuckereinlage. Ich bebildete meine Netzhaut mit organischen Rot- und Gelbtönen und begab mich schließlich zur Strandbar.
Es war Zeit, meine Sachen zu schnappen und Freunden und Bekannten Adieu zu sagen. Bourdieu formulierte sein Shdanowsches Gesetz wie folgt: "Je autonomer ein Kulturproduzent ist, je mehr spezifisches Kapital er besitzt und je ausschließlicher er den eingeschränkten Markt beliefert, auf dem man nur seine eigenen Konkurrenten als Kunden hat, um so mehr tendiert er zum Widerstand." Dem habe ich nicht viel beizufügen außer, dass ich selten so eine gut organisierte Veranstaltung im DIY-Bereich wahrgenommen habe. Ich muss noch einmal auf den unfassbar preiswerten Eintritt von vier Euro verweisen. Ich habe bei weitem schlechtere Veranstaltungen besucht, bei denen wenigstens das Doppelte als Eintrittsgeld gefordert wurde. Ich habe an Veranstaltungen teilgenommen, bei denen die Künstler nicht halb so respektvoll behandelt worden sind. Ich habe Veranstaltungen erlebt, bei denen das Publikum sterbenslangweilig war. In Kurzform: zwei Bühnen, Strandbar, Feuershow und etliche Künstler. (Alles konnte ich aufgrund der Simultanität der Gigs/Ereignisse nicht sehen.). Do it yourself! Ganz großes Kino!


 
für nonpop.de



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