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awk

Berlin Atonal 2018

Donnerstag 23.08.


Berlin Atonal 2018
Kategorie: Spezial
Wörter: 1443
Erstellt: 03.09.2018
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Das Kraftwerk an der Köpenicker Straße 70 in Berlin Mitte war früher der Schauplatz einiger illegaler Partys, die – soweit ich mich erinnern kann – von der Polizei unterbrochen, gefühlt nie zu Ende, annähernd unendlich waren. Heute wird dort das fünf Tage andauernde "Berlin Atonal" veranstaltet. Sicher, zunächst ein naheliegender Gedanke, ein solches Festival dort stattfinden zu lassen. Doch bedenkt man, dass dies zugleich auch die Residenz des altehrwürdigen Techno-Klubs "Tresor" ist, wird die zunächst noch interessante Information, gleicht man sie mit der Erinnerung ab, irgendwie pelzig, rollt man sie im Mund hin und her. Zumal die Macher des Klubs eben auch für das Festival verantwortlich sind und man sich fragt, wie eine Subkultur zum Mainstream passt. Nun, vielleicht ist das eine vom anderen nicht mehr so weit entfernt, wie man es denkt. Und vielleicht muss das auch genau so sein. Schließlich hat DIMITRI HEGEMANN beides ins Leben gerufen – das "Atonal" 1982 und den "Tresor" 1991.

Kommt man auf das Gelände, scheint einem alles sortiert – wie etwas, das schon lange da und dementsprechend aufs Beste organisiert ist. Zunächst erkennt man eine große Tafel, auf der das, was einem bevorsteht, wie in einem Terminplaner abgelesen werden kann. Rechts daneben zwei von Gittern abgegrenzte Eingangszonen. Eine für "Ticket Holders", eine für jene, die auf der "Guest-List" stehen. Beides sauber voneinander getrennt. Die Kartenbesitzer werden nach einigem schlangenlinienartigen Hin und Her abgescannt und darauf hingewiesen, dass die große faltbare Liste ein "Timetable" und das dazugehörige Büchlein, das "Programm" für die fünf Tage enthält. Nach dem Anlegen eines Plastikbändchens und der obligatorischen, aber nicht sehr akribischen Taschenkontrolle, im Innenhof dann mehrere Stände, an denen "Streetfood" angeboten wird. Weiter rechts so etwas wie ein Biergarten, links die Eingänge.

Das Kraftwerk ist riesig. Seine Räume sind Hallen. Auf drei Ebenen steht man jeweils in einer. Die obere ist die größte. Die Decke hängt so hoch, dass man den Eindruck bekommt, in einem Dom oder einer Kathedrale zu stehen. Auf den unteren zwei Ebenen: Installationen. In den Weiten gehen sie zunächst unter. Doch in Anbetracht der Zeitspanne des Programms hat man immer noch reichlich Zeit, sie sich anzusehen. Die unglaubliche Größe ist recht angenehm. Quetscht man sich bei Festivals meist, verläuft sich hier alles. Es gibt Ecken zum Sitzen und Liegen. Selbst die vielen Leute zerstreuen sich derart, dass man nicht aneinandergerät. Von der Mittelebene aus kann man sowohl die oben liegende "Main-Stage" als auch die unten liegende "Stage-Null" sehr gut einsehen. Auf jeder Ebene befindet sich eine Bar. Dort werden Bierflaschen in Plastikbecher umgefüllt, auf denen "Berlin Atonal" oder aber "Tresor" steht. 

Der größte Teil des Publikums besteht aus Touristen. So ist auch die Gesamtatmosphäre eher die eines internationalen Riesenevents. Es hätte hier also auch eine Zaubershow stattfinden oder ein Musical aufgeführt werden können. Hauptsache Berlin. Hauptsache während des Berlinbesuchs noch etwas Verrücktes gemacht. Hauptsache schwarze Bekleidung. Viele Brillen, viele akkurat gestutzte Voll- und Schnurrbärte, Basecaps und weiße Socken. Dazu Bauchtaschen aus den 1990er-Jahren. Die werden jedoch nicht vor dem Bauch getragen, sondern lässig über eine Schulter gehängt. Am kalten Stein wärmt sich die Provinz des mittleren Westens. Die Zugestiegenen schreiten andächtig umher.

KLARA LEWIS, eine schwedische Künstlerin, deren Sound aus einer riesenhaft flächigen Klangwand und Feldaufnahmen besteht, versetzt ab 21:00 Uhr ihr Publikum in einen tranceartigen Zustand. Die obere Etage ist gut gefüllt. Die Leute bewegen sich kaum, hören zu und betrachten die monströse Leinwand, auf der in Großaufnahme ein Mohnblumenfeld gezeigt wird. Die Leinwand entspricht den Dimensionen der Halle. Geschätzt dürften das mehr als 15 mal sechs Meter gewesen sein. Selbst in der hintersten Ecke erkennt man die Videoinstallation. Nach einer Stunde beginnt dann auch schon der Umbau. Jede Darbietung ist auf diese eine Stunde begrenzt – was den positiven Effekt hat, immer mal wieder auf die anderen Ebenen gehen zu können. Dort werden in Nischen die vielen Videoinstallationen gezeigt. Da flimmert zum Beispiel großflächig ein Testbild. Es hängt da auch Nebel in einer Leuchtstoffröhrenlandschaft. Oder es kreisen in einem Gestell Laserspiralen, die sich im Wasser der davorliegenden, quadratisch eingefriedeten Pfütze wellenfrei spiegeln.

Mit CURA MACHINES geht es weiter. Dies ist das neue Pseudonym des Komponisten, Produzenten und Sound-Designers DANIEL LEA, der Synthesizer-Sounds verarbeitet – zeitgenössisch, neo-klassisch, wie es heißt. Dazu sind über Algorithmen gesteuerte Bildsequenzen des Österreichers RAINER KOHLBERGER zu sehen. Die Musik atmet. Währenddessen fotografieren sich die Gäste in allen erdenklichen Posen.

Danach wird es mit NEON CHAMBERS rhythmischer. Hinter diesem Namen stecken KANGDING RAY und SIGHA. Hier wird versucht, einerseits den eher experimentellen Sound von KANGDING RAY mit dem andererseits mehr konventionellen Techno von SIGHA zu vereinen, so dass etwas Drittes entsteht. Die Bassdrums wummern unter dem Geklapper der Mitten und Höhen. Dazu wird auf der Leinwand allerhand Teig oder Teigähnliches geknetet. Unten im Bild wird dazu die Anzahl der Likes eingeblendet – wohl als Kritik zu verstehen, hier jedoch eher das allgemeine Geschäft flankierend, das die Mehrheit der Besucher betreibt: aufnehmen, hochladen, warten und zählen. Der Sound – davon unangetastet – ist mäßig kraftvoll, doch auch schon mal krachend. Schließlich ist (zumindest) KANGDING RAY einer von zweien, weswegen ich an diesem Abend anwesend bin. Überhaupt, sowohl die Auswahl als auch der Ablauf scheint mir gelungen. Alles läuft nach dem Prinzip der stetigen Steigerung ab – von warm flächig über verhalten gebrochen bis rhythmisch bewegt.

Während LANARK ARTEFAX alias CALUM MACRAE beginnt, fällt auf, dass es hier keine seltsamen Vögel, im Publikum nichts Besonderes gibt. Geht man in der Geschichte des "Atonal" zurück, ist festzustellen, dass den Besuchern das eigene Empfinden und die Überzeugung des Kein-Bestandteil-Seins der frühen Tage mittlerweile doch deutlich abgeht. Als 1982 im "SO36" das ATONAL zum ersten Mal stattfand, war sicher niemand der Anwesenden so stark in die Alltagswelt eingebunden wie hier. Möglicherweise liegt das aber auch daran, dass es heutzutage schon kaum noch möglich ist, den Bildern, die alles zeigen, zu entkommen. Wer ist da noch schockiert? Wer würde aufgrund solcher Darstellungen noch meinen, dass ein Mensch, der sich tätowieren oder an Intimstellen piercen lässt, nicht auch an einer Supermarktkasse sitzen und gleichzeitig niedliche Katzenvideos posten könnte? Das Seltsame ist dem Ornament, der Verschönerung des Körpers gewichen – fast schon banal. Doch das nur am Rande ... 
Die Musik von LANARK ARTEFAX stellt sich nach zwei Titeln als der Höhepunkt des ersten Teils dieses Abends heraus. Hier wird wie in einer "Star Wars"-Episode aus allen Rohren geschossen. Es gibt kaum Videoeinblendungen. Meist ist es dunkel. Nur ab und an blitzt es verhalten auf. Nebel und blaues Licht fluten die riesige Halle. Und der Sound erhebt sich dazu bis an die Decke. Ein sich selbst immer wieder brechender Digitalsturm, der Dächer von Hochhäusern abhebt. 

Nach einer Umbaupause geht es unten auf der "Stage-Null" weiter. Jetzt kommt mit ALLESANDRO ADRIANI dann doch noch Leben in die Bude. Dies ist sicherlich auch der guten Vorarbeit von LANARK ARTEFAX zu verdanken. Doch auch ADRIANIs Mischung aus Elektro, Noise, Wave und EBM weiß zu überzeugen. Es setzt ein Bass ein, der einem die Bauchdecke einzudrücken vermag. Blecherne Snares und einige reißende High Hats tauchen hier und da auf – es gibt sogar welche, die sich bewegen. Synthieflächen, Melodieansätze und Handclaps. Die Geschwindigkeit zieht nochmals an. Allerdings – auf der Zwischenebene gibt es welche, die schlafen. Und sogar einen, der in einem Buch liest. Nichtsdestotrotz ein sehr ansprechendes und mitreißendes Set.

Der zweite Act, weswegen ich an diesem Abend anwesend bin, ist LE SYNDICAT ELECTRONIQUE. Der aus Frankreich stammende ALAXIS ANDREAS G. geht dann auch gleich in die Vollen. Gassenhauer wie der erste Titel "The Man Who Killed The Beat" haben eine gänzlich entgrenzende Wirkung auf das sich um halb drei Uhr morgens noch vor der Bühne befindliche Publikum. Die Textpassagen werden live eingesungen beziehungsweise skandiert. Es klappern die Snares und klatschen die Claps. Ja, es wird während der einen Stunde alles abgefeuert, was es da auf den Tonträgern hervorzuheben gibt. Ein wirkliches Spektakel – hat doch der anwesende Rest nun doch noch Beherrschung und Pose verloren ... Danach war für mich Schluss, da wohl kaum noch Musik auf mich zugekommen wäre, der ich hätte aufmerksam zuhören können.

Unterm Strich hat mich KANGDING RAY wider Erwarten nicht überzeugt. Ähnliches gilt für die vielen anderen Präsentationen. Sie dümpelten zu sehr in annähernd ähnlich seichten Fahrwassern herum. Kraftvoll und beeindruckend jedoch waren die Auftritte von LANARK ARTEFAX und ALLESANDRO ADRIANI. LE SYNDICAT ELECTRONIQUE hat mich mit seiner brachial charmanten Art vollumfänglich für sich eingenommen. Trotz Drumherum und anfänglichem Widerwillen ein doch gelungener Abend.

 
awk für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Festival-Seite


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