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BIRCH BOOK: Vol. III

"A Hand Full Of Days"


BIRCH BOOK: Vol. III
Genre: Folk
Verlag: Little Somebody


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Dieser Artikel wurde in der NONPOP-Hörschau Nr. 26 mit Audiobeispielen vertont!

BOBIN EIRTH alias B’EE ist längst eine feste Größe in der Folkszene, sein Name ist sicher jedem schon einmal untergekommen, der sich für Musik dieser Art begeistern kann. In den 90ern bereicherte der örtlich meist ungebundene Amerikaner mit seiner Band IN GOWAN RING das Neofolk-Genre um einen urtümlichen Klang und eine Komponente des Fragilen. Mit filigranem Gitarrenspiel und einer Art zu singen, die meditativ und verträumt klingt und dabei aller erdenklicher Manierismen entbehrt, begeisterte er die Connaisseurs der Szene. Im neuen Jahrzehnt konzentrierte er sein Stammprojekt vor allem auf Konzerte und das Zugänglichmachen von Raritäten. Kreatives Neuland erkundete er fortan eher mit anderen Projekten, von denen BIRCH BOOK das bislang bekannteste und ergiebigste ist. Sollte B'ee (oder je nach Geschmack auch Bee oder B'eirth) seine Ankündigung, dieses nur temporär zu betreiben, noch einmal überdenken, dann könnte es In Gowan Ring bald ebenbürtig sein. Birch Books Texte sind oft persönlicher und weniger komplex, musikalisch überwiegt der Einfluss amerikanischer Folktraditionen über die europäischen, teilweise mittelalterlich inspirierten Klänge von In Gowan Ring.

Live allerdings verschmelzen beide Projekte miteinander. Auf In Gowan Ring-Konzerten werden heute auch viele Birch Book-Songs gespielt und umgekehrt – Zeugnis davon gibt die im letzten Jahr erschienene Compilation „Webs Among The Din, Vol. II“, die fünfzig Schnellschalter ihr Eigen nennen. Das war auch bei einem kleinen familiären Konzert im Frankfurter Rock-Club „Die Halle“ der Fall, welches B’ee zusammen mit der ebenfalls hörenswerten schwedischen Folkband LISA O PIU bestritt (der Bandname bedeutet Lisa und Piu und ist in der Tat eine Gruppe, kein Soloprojekt). Die In Gowan Ring-Besetzung bestand aus B’ee und dem kompletten Support Act, bei dem B’ee dann wiederum in die Saiten griff und weitere Instrumente spielte. Ausgerüstet mit zwei Gitarren, Flöte, Klarinette, Glockenspiel, Mundharmonika und Perkussion wurde neben aktuellen Songs ein Reigen quer durch den Backcatalogue gespielt, der für eine intime, familiäre Atmosphäre sorgte. Familiär war das ganze leider auch aus einem weniger erfreulichen Grund, denn es kamen gerade mal ein paar Hand voll Besucher  – waren es zwanzig Leute? Es ist eben ein ungünstiges Los, wenn eine Band aus primär labeltechnischen Gründen vom Folkboom der letzten Jahre unberücksichtigt geblieben ist und gleichzeitig auch nicht ins gängige Neofolkklischee passt. Vielleicht sollte man in Zukunft gezielter szeneübergreifend Werbung für B’ees Konzerte machen. Dass Musiker wie WOVEN HAND oder JOANNA NEWSOM zum Teil das Zehnfache an Publikum haben, ist keine Frage der Qualität und geht auch nicht unbedingt auf gravierende stilistische Unterschiede zurück. B’ee ist einer derjenigen Künstler des einstigen WORLD SERPENT-Pantheons, welche die Frischzellenkur des tendenziell amerikanischen Folkrevivals der letzten Jahre dankbar annahmen oder besser gesagt nicht einmal nötig hatten. So wüsste er neben seinem kleinen, treuen Stammpublikum sicher auch weniger „schwarze“ Konzertbesucher zu begeistern. Wie auch immer, ein paar Menschen waren anschließend um einige schöne Eindrücke reicher und meiner Beobachtung nach entging kaum jemand dem Zauber der Musik.

Unter anderem wurde auf dieser Tournee auch das dritte und vielleicht letzte Birch Book-Album „A Hand Full Of Days“ vorgestellt, das, um es vorweg zu nehmen, ein ausgesprochen großer Wurf geworden ist. B’ee hat hier vierzehn Songs in gewohnter Minimalbesetzung eingespielt, zu der diesmal PASCALE HUMBERT von WOVEN HAND und LILIUM (Gitarre und Bass), RON WALKER (Gitarre und Hammondorgel) und eine Backgroundsängerin namens SUBHADRA zählen. Einige Unterschiede zum regulären Vorgänger „Fortune & Folly“ fallen recht früh ins Auge – der offensichtlichste ist, dass es diesmal ziemlich direkt zur Sache geht. Läuft „Fortune & Folly“ etwas verhalten an und beginnt nach dem Intro zunächst mit dem schüchternen „New Song“, bei dem B’ee ganz bescheiden um Erlaubnis zu singen fragt, so kommt hier nach einem kurzen Vorspiel gleich einer der beiden größten Ohrwürmer des Albums. Wen „Feet Of Clay“ nicht packt, der kann mit Birch Book und In Gowan Ring einfach nichts anfangen, der ist unempfänglich gegenüber der euphorisch-wehmütigen und gleichsam introvertierten Vagabunden-Romantik. Thematisch ist man mitten in den Lieblingsmotiven des Sängers – das Leben als Reise auf tönernen Füßen, doch selbst der Ödnis des Daseins wird Poesie abgewonnen. Darüber hinaus ist dieser Song auch ein gutes Beispiel dafür, dass Birch Book nicht mehr ganz so „amerikanisch“ klingen, wie noch auf den beiden Vorgängern. Die Country- und Blueselemente, die dem Americana Folk eine gewisse Lässigkeit geben und die sich am Rande auch bei Birch Book fanden, sind stark zurückgenommen – so entsteht der Eindruck, dass über die letzten Jahre nach und nach eine Art Synthese aus Birch Book und In Gowan Ring im Entstehen ist. Ein weiterer Ohrwurm dieser Art ist „White Angel“ – das sind Songs, die im besten Sinne uncool sind, die ehrliche Emotionalität vermitteln ohne auch nur im Geringsten dick aufgetragen zu sein. Weniger emotional aufwühlend, doch ebenso fragil kommt dagegen der vom besagter Compilation her bekannte „Sad Song“ daher, die soundtrackartige Instrumentaleinlage „Hatched in Stone“ oder kurz vor dem Ausklang die Stücke „Life’s Lace“ und „Will of the Wind“, die nicht aus B’ees eigener Feder stammen.

Auf der anderen Seite scheinen einige Songs direkt mit Momenten auf „Fortune & Folly“ zu korrespondieren, so zum Beispiel das entspannte „Empty Corner Of The Page“, das in punkto Melodie und Instrumentierung stark an „The Trip Goes On“ vom Vorgänger anknüpft. So halten sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede letztlich die Waage und über allem schwebt eine wehmütige, überzeugt nostalgische Stimmung, die vielleicht jemanden überraschen würde, der lediglich Fotos dieser „Hippie“-Band sehen würde, deren Mitglieder dem Aussehen nach direkt dem Summer of Love entsprungen sein könnten. Natürlich erinnert B’ees Musik auch an Künstler wie DONOVAN, aber es ist eben eine melancholische Spätform dieser Musik, jeder Popularität und jedem naiven Optimismus entkleidet. Kein Wunder bei einem Sänger, der seine Adoleszenz in den 80ern erlebte und nach eigenen Angaben durch die Schule von Postpunk und New Wave gegangen ist.

Textlich Originelles gibt es auch wieder, wenn auch weniger abstrakt als in früheren Tagen. „Patchwork Woman“ geht zunächst streng nach der Devise „No Woman is perfect“ – doch das lyrische Ich hat sich noch lange nicht verabschiedet vom Gedanken an die große Liebe. Wie MAX FRISCHs Romanheld Gantenbein spielt es mit dem Gedanken, aus Erinnerungen an verschiedene Personen eine ideale Kollage zu gestalten. „But if I could make one woman out of all those I have known/I’ld include a part of you in her/If I could have just one comprised of all that I adore/In you and she and her/I know you would be well represented“ – ein originelles Kompliment, das man vorsichtshalber nicht jeder machen sollte. Wen wundert es da, dass Dinge wie Freiheit und Unabhängigkeit eine wichtige Rolle spielen in der Welt des kauzigen Barden, der nur in seiner Musik zu Hause ist. Ehrlichkeit kommt dazu, und abschreckend wirkt der Hipster und Poser, dem B’ee in „Nothing More“ eine kleine sarkastische Anekdote widmet. Der Abgesang auf das falsche Subjekt, das hinter der Maske vorgespielter Originalität seine kleinbürgerlichen Machtbedürfnisse ausleben und andere abhängig machen will, erinnert an eine ähnliche Tirade im „Lonely Prophet Blues“, der zum Liverepertoire der Band zählt – dort wird ein Möchtegern-Jim Jones als machtgeiler Kleingeist entlarvt. Als Gegenbild fungiert allerorts der ehrliche Loser, „beautiful“ im Sinne LEONARD COHENs und MARC ALMONDs. „Nothing More“ ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie gekonnt B’ee mit Melodien umzugehen weiß – eine relativ gleichförmige Gesangsmelodie entfaltet sich, nur an einer Stelle im Refrain fällt eine besondere Betonung auf „give“, die auf den gesamten Rest des Liedes ausstrahlt und ihm einen komplett anderen Charakter verleiht.

Alles in allem ist „A Handfull Of Dust“ ein griffiges, eingängiges und doch stark emotionales Folkalbum geworden, irgendwo angesiedelt zwischen allen Genrestühlen und gleichsam fernab von alldem. Was diesmal fehlt, sind Brüche und Ausflüge ins Experimentelle, die sich bei früheren Werken bisweilen in Form von langen Drones finden, die das Klangbild im Abstrakten auflösen – so beispielsweise bei einigen Momenten auf „Fortune & Folly“ oder auf In Gowan Rings „The Glinting Spade“. Hier vermisst man das aber kaum, und so schlägt das Album auch die Brücke zu B’ees vielleicht schönstem Songalbum „Hazel Steps Trough A Weatered Home“. Mit seinem neusten Werk demonstriert er jedenfalls endgültig, dass Birch Book weit mehr als nur ein „Projekt“ ist. Wollen wir hoffen, dass der dritte Teil der Reihe noch lange nicht der letzte ist.


 
für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Offizielle Webseite für In Gowan Ring und Birch Book
» Birch Book @ Myspace
» Little Somebody Records

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» Neues Material von BIRCH BOOK

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