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Michael We.

ARTESIA: Chants d'automne

Ein 'Wald'-Konzeptalbum mit Stärken und Schwächen


ARTESIA: Chants d'automne
Genre: Neoklassik-Pop
Verlag: Prikosnovénie
Vertrieb: Prikosnovénie


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ARTESIA sind zwei Französinnen mit einer klaren Arbeitsteilung: AGATHE, die die Band 2001 gegründet hat, schreibt die meisten Songs und singt, GAËLLE spielt das dominierende Instrument, die Geige. Ihre erste CD war zwei Jahre nach Gründung, 2003, fertig. Beide beschlossen allerdings aufgrund der (Zitat AGATHE) 'sehr schlechten' Soundqualität, die Platte nicht zu veröffentlichen. Als erste 'offizielle' Veröffentlichung gilt deshalb die Demo-EP in geringer Auflage von 2004 ("L'Aube Morne"), und die erste 'richtige' CD "Hilvern" entstand nach dem Deal mit PRIKOSNOVÉNIE im Jahr 2006. Mit dem neuen Album haben sich ARTESIA an die - immer schwierige - Aufgabe eines Konzeptalbums gemacht: "We want the listener to feel deeply the Broceliande forest" (AGATHE). Broceliande ist ein Wald in der Hochbretagne, der auf Karten als 'Wald von Paimpont' eingetragen ist, und in dem einige Ereignisse rund um die Artus-Sage stattgefunden haben sollen. AGATHE hat früher dort in der Nähe gelebt. Die Texte auf "Chants d'automne" befassen sich mit mythischen Plätzen des Sagenwaldes, und alle Fotos des Booklets wurden dort aufgenommen. Als zusätzliche Inspiration geben ARTESIA Bilder und Musik der "Lord Of The Rings"-Trilogie an.

ARTESIA haben mit ihrer bislang einzigen Vollzeit-Platte "Hilvern", die sich auch schon ansatzweise, aber eher philosophisch mit dem Thema 'Wald' befasst hat, eine beachtliche Zahl an Fans gewonnen, was möglicherweise auch daran liegt, dass sie eine Lücke schließen, die eine andere Band beim selben Label hinterlassen hat. Während COLLECTION D'ARNELL-ANDREA in den vergangenen Jahren doch sehr elektronisch geworden sind und teilweise englisch singen (siehe NONPOP-Rezension von 'Exposition'), machen ARTESIA genau da weiter, wo auch CDAA vor vielen Jahren angefangen haben: Sie vermengen akustische Instrumente (in diesem Fall Geige und klassische Gitarre) bedächtig mit synthetischen Elementen (einem Synthie-Klavier) und einer klaren, ätherischen, feenhaften (und bei ARTESIA rein französischen) Frauenstimme, die in traurig-romantischen Liedern häufig die Natur besingt, wie etwa auf 'Au Val Des Roses' von CDAA aus dem Jahr 1990. In diesem Umfeld bewegen sich ARTESIA, also irgendwo zwischen CHLOÉ ST. LIPHARD (der COLLECTION-Sängerin) und LOREENA MCKENNITT, mit musikalischen Anleihen bei QNTAL und ENYA, und sind damit gut geeignet für das 'fairy'-Programm des französischen Labels PRIKOSNOVÉNIE
Gleich zu Beginn von "Chants d'automne" fallen zwei Dinge auf: Die Stimme, die tatsächlich 'feenhaft' leicht, schwebend und lockend klingt, aber sehr nach CDAA. Und die moll-tönende Geige, die nicht nur zur Untermalung dient, sondern gleichwertig neben dem Gesang steht und der Produktion ein intimes, kammermusikalisches Flair verleiht. Mit dem Opener "Invitation" machen ARTESIA ihr Versprechen wahr, soundtrack-artige Songs zu liefern: Das Stück könnte original aus einem "Herr der Ringe"-Film oder einer Artus-Leinwand-Variation stammen, so majestätisch gleitend wird der Beobachter vorbei an riesigen Wälder und endlosen Wiesen und Hügeln geleitet. Das daran anschließende Titelstück ist eines der besten, denn es trägt nicht zu dick auf (leider auch eine Krankheit der späteren CDAA), das Synthie-Klavier hämmert nicht, die Percussion begleitet, ohne besonders dramatisch hereinzuplatzen. Um 'im Wald' zu bleiben, ist dieser Track das Eintauchen, das Hineingehen durch hohe Bäume, das Fühlen von Wurzeln und der leicht modrige Geruch. Ab Track 3 zeigen sich aber dann auch die Schwächen des Albums, zum Beispiel stellt sich das latente Gefühl der Wiederholung ein, unter anderem hervorgerufen durch den permanenten 1-2-3-Rhythmus, der zu selten von den soundtrackhaften Flächen durchbrochen wird. Track 4 klingt deutlich nach ENYA, zu oberflächlich, um den Hörer tatsächlich in den Wald hinein zu bringen, und Track 6 leidet an zu viel Pathos. Dazwischen schillern allerdings einige Songs, die beweisen, dass ARTESIA das Potential haben, ein Naturthema auf einer zukünftigen Veröffentlichung in Gänze und nicht nur teilweise sehr gut umzusetzen: Track 5 ist ein freudiges, folkiges Lied ohne Gesang mit Gitarre und Geige, das in seiner Einfachheit mehr an die Zauberer unter den Bäumen von Broceliande erinnert als die vollgepackten Songs, und Track 9 kommt mit Gitarre und Trommel fast neofolkig daher, so dass TONY WAKEFORD ein "Into The Woods"-Ständchen dazu trällern könnte. A propos: Das Waldbild, das ARTESIA zeichnen, ist das Gegenteil von dem auf der letzten WAKEFORD-CD. Nicht schief und schräg, hinter den Bäumen verstecken sich keine Verbrecher. Auf "Chants d'automne" ist der Wald 'klassisch', also mystisch, umschmeichelnd und behütend. Allerdings fehlt der Musik manchmal genau die Naturmystik - wie sie zum Beispiel bei IN GOWAN RING ganz selbstverständlich zu finden ist - die einen 'Zauberwald' auch hörbar macht. 
ARTESIA liefern eine nette Platte für den kommenden Herbst. Nichts, was nicht schon einmal da gewesen wäre, aber wer etwas übrig hat für leicht kuschelige, mittelalterlich angehauchte Fantasyfilm- und Rollenspiel-Romantik, wird Gefallen an "Chants d'automne" finden. Alt-CDAA-Fans (und Fans ähnlich gelagerter Musik) sollten der CD unbedingt eine Chance geben. Wer wüste Trolle schon immer lieber mochte als durchsichtige Feen, und wer Wälder nicht nur als Heimstatt für Merlin, Hobbits oder Robin Hood sieht, wird nichts damit anfangen können. In Deutschland erscheint das Album auf KALINKALAND erst Anfang August, ist aber bei PRIKOSNOVÉNIE in Frankreich schon zu haben.


 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» ARTESIA
» COLLECTION D'ARNELL-ANDREA


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