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Endsal

ANEMONE TUBE: Golden Temple

Das Dionysische in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf


ANEMONE TUBE: Golden Temple
Genre: Post Industrial
Verlag: Raubbau
Vertrieb: Ant-Zen
Erscheinungsdatum:
11. Februar 2016
Medium: CD
Preis: ~13,00 €
Kaufen bei: Ant-Zen...


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Mit ANEMONE TUBEs neuer CD "Golden Temple", soeben in ausgesprochen hochwertiger Aufmachung bei RAUBBAU erschienen, liegt nun gewissermaßen der Longplayer zu der im Herbst letzten Jahres veröffentlichten und an dieser Stelle bereits besprochenen Cassetten-EP (Spielzeit ca. 20 Minuten) "In The Vortex Of Dionysian Reality" vor. Der daselbst zelebrierte, primär feedbackbasierte und ungeachtet aller Harshness irgendwie verträumt-atmosphärische, postindustrielle Noise war bereits schlichtweg famos und wusste das Herz des Rezensenten im Sturm zu erobern, insofern nimmt es wenig wunder, dass der beschriebene Kurs – sowohl, was den eingeschlagenen musikalischen Stil, als auch, was die euphorisierende Wirkung auf den Autor betrifft – hier konsequent fortgesetzt wird.


Alles in allem ist "Golden Temple" in Teilen zwar krachiger geraten – so im Falle des Openers "Les Hommes et Les Sirenes", der mit seiner gemächlichen Entfaltung und Verdichtung diverser Noisepatterns eine ähnlich hypnotische Wirkung entfaltet wie der Beitrag zur 2013er-Split-LP mit DISSECTING TABLE, des amorph-apokalyptischen "I, Death, Rule Even In Arcadia" sowie des fiebrig und unruhig daherkommenden und in Zusammenarbeit mit DAVE PHILLIPS von der SCHIMPFLUCH-Gruppe entstandenen Abschlussstückes "Tojinbo - Tranquil Sea Of Equanimity" –, insgesamt dominiert jedoch jenes besagte, insbesondere vom letzten Tape bekannte, atmosphärisch-organische Feedbackgedröhne, das den Rezensenten allen Ernstes an die frühen COCTEAU TWINS der "Garlands"-Ära erinnerte und zu der, etwas verschroben klingenden, stilistischen Charakterisierung "Post-Rock-Noise" animierte. Diese sei der Präzision halber nachträglich ein wenig modifiziert, denn der Faktizität des Dargebotenen am nächsten zu kommen scheint konsequenterweise die, möglicherweise noch etwas verschrobener klingende, Hybrid-Schublade "Post-Punk-Drone-Noise". Das ungeachtet durchaus brachialer Lärmkaskaden dezidiert atmosphärische, subtil romantische (ja!) und streckenweise fast verträumte (oh ja!) Moment, das die dazwischenliegenden Tracks wie "Apocalyptic Fantasy" oder "Sea Of Lights (Golden Temple)" – um nur zwei davon beispielhaft zu nennen – kennzeichnet, kommt durch jene satte, dronebasierte Molllastigkeit jener charakteristischen Feedbackloops zustande, die ANEMONE TUBE mit beispiellosem Feingefühl übereinanderschichtet und so erhaben an- und abschwellen lässt, dass es dem Hörer einen wohlig-ergriffenen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagt: "Und alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit", möchte er da mit Friedrich Nietzsche seufzen, so abgründig-sphärisch, ja: so durch & durch dionysisch dröhnt es ihm aus diesem akustischen Mahlstrom entgegen und ruft ihn hinab… – Womit sich für den Autor der thematische Kreis zwischen "In The Vortex Of Dionysian Reality" und "Golden Temple" mit einer Steilvorlage für den Übergang zu einer weiteren Dimension des Albums schließt: der des ausgesprochen facettenreichen, verschachtelten und aus dem Vollen schöpfenden, kulturphilosophischen Hintergrundes.

Der ist bei ANEMONE TUBE ohnehin immer gegeben, dass er im aktuellen Fall allerdings ganz besonders ausgreifend ist, ahnte der Rezensent schon angesichts des bemerkenswert umfangreichen Promotextes, der erfreulicherweise deutlich über das genreübliche "Darkness-Death-Depression"-Blabla hinausgeht. Hier erfahren wir, dass "Golden Temple", als dritter Teil der "Suicide Series"-Tetralogie geplant und dementsprechend wie die beiden Vorgängeralben "Dream Landscape" (2011) und "Death Over China" (2012) auf Field Recordings aufbauend, die STEFAN HANSER, der Mann hinter ANEMONE TUBE, in Japan und China aufgenommen und gesammelt hat, als "a (meta)physical landscape" fungiert, "here in form of global cities and metropolises proudly and brightly soaring in darkness, and bestowing golden radiance and divine beauty". Intendiert ist die Evokation einer schillernden, oszillierenden Melange aus hell und dunkel, Licht und Finsternis, die sich jeder eindeutigen Bestimmung oder Bewertung entzieht und in jeder ihrer Facetten jederzeit auch deren Gegenteil enthält: Der "Golden Temple" ist "more than a singular viewpoint", er fungiert  als "meta sign, functioning in its paramount acknowledgement and acceptance of complex, sometimes contradictory subject matter" – und diese Umschreibung fügt sich freilich nahtlos in das Konzept des Dionysischen als eines alle Grenzen transzendierenden und aufhebenden Wirbels, wie es im Titel der präludierenden Cassette bereits ausgesprochen wurde.


Und ebenso, wie dort das Bild eines pausbäckigen Barockputtengesichtes neben einem kieferklaffenden Totenschädel die Verzahnung der Gegensätze als zentralen Topos markiert, so kommt diese auch hier – wenn auch deuttlich subtiler – zum Ausdruck, denn die schweißüberperlte, vor schierer Vitalität nur so strotzende junge Frau, die da lasziv aus ihrer Coca-Cola-Flasche trinkt und dergestalt als Symbol blühenden Lebens fungiert, fotografierte HANSER von einer LED-Reklamefläche im Tokyoter Bezirk Shibuya ab: und es ist eben jenes Moment der Rationalisierung und Berechnung, Ökonomisierung und Kommerzialisierung, das die augenscheinliche Vitalität isoliert und bricht, die subtile Erotik des Bildes fragwürdig macht und letzten Endes in ihr Gegenteil verkehrt: Symbole des Lebens kippen und werden zu Insignien, Symptomen des Todes. "I am the master of numbers / Controller of worlds /Agent of dogma / Spitting Propaganda / I am the meaning-bearer / Your devotional angel / Seizing your heart / Infecting your mind", heißt es ganz in diesem Sinne in dem, von HANSER selbst verfassten und auf dem Cover abgedruckten, Gedicht "The Tower Of Evil". Es ist die Zahl als ultimatives Symbol der Bewusstwerdung, an deren Ende unhintergehbar der Tod als Auflöser der Strukturen wartet; – taoistisch gesprochen (und das scheint angesichts der Asien-Affinität des Künstlers keinesfalls abwegig): Wo die Rückbindung des Menschen an das Tao, jenen Großen Sinn, der laut Lao-Tse der unfassbare Urquell allen Lebens ist, verloren geht, beginnt das starre und immer weiter erstarrende Reich der Gesetze, der Mittelbarkeit und Künstlichkeit – und je weiter dieser Prozess voranschreitet, desto weiter entfernt sich der Mensch von der Unmittelbarkeit des Lebens und treibt ab in das Reich des Berechenbaren, der Bedingtheit, Mittelbarkeit und letztlich des Todes. Insofern kann, ja: muss der Tod aber auch als dionysischer Impulsgeber schlechthin interpretiert werden, da er die Grenzen, Strukturen und Bindungen des Lebens wieder löst und es zu jenem Ursprung zurückführt, von dem es sich im Laufe seiner apollinischen (Selbst-)Bewusstwerdung – und totale Kommerzialisierung ist ja nichts anderes als eine ihrer letzten Verfallserscheinungen – immer weiter entfernt hat. So gesehen steckt freilich in jedem einzelnen Aspekt, in jeder einzelnen Etappe des Gesamtprozesses immer auch das Remedium jener – mit Kierkegaard gesprochen – Krankheit zum Tode, an der der Mensch existenziell leidet, und so erschließt sich das Zitat aus PIER PAOLO PASOLINIS Film "Medea", welches sich auf der letzten Zeile des Booklets findet und das am Ende des Tracks "Anthropocene - The Dark Abyss Of Time" in deutscher Sprache vorgetragen wird: "Alles ist heilig, alles ist heilig, alles ist heilig. Es gibt überhaupt nichts Natürliches in der Natur! In dem Moment, in dem die Natur dir natürlich erscheint, ist alles aus – und etwas Neues beginnt.“

Das, ebenso wie der golden auf schwarzem Karton bedruckte Klappschuber, opulent aufgemachte, 12-seitige Booklet versammelt Bilder und Textauszüge aus den unterschiedlichsten historischen, kulturellen, künstlerischen und religiösen Kontexten: Zitate von "Schoppenhauer" (sic!), Mishima oder dem Hl. Paulus gehen Hand in Hand mit Bildern der Hl. Hildegard von Bingen, John William Waterhouse oder Pieter Brueghel d. Ä., und allesamt veranschaulichen und umkreisen sie das beschriebene Sujet, das im tiefsten Sinne ein kulturübegreifend zentraler Topos klassischer Mystik ist: Die schiere Ungreifbarkeit jenes Mysteriums, das allem, was ist, Sein und Sinn verleiht. Abermals ist dem Promotext ausdrücklich beizupflichten, wenn er diesen, vordergründig geradezu fieberhaften Eklektizismus von Musik sowie Text- und Bildelementen unterschiedlichster Provenienz als konstitutiv für das Album, aber auch für die Arbeit von ANEMONE TUBE insgesamt herausstellt. Die musikalische Intensität, atmosphärische Dichte, thematische Konsequenz und inhaltliche Kohärenz, die das Projekt in Gestalt von "Golden Temple" realisiert hat, wird jedoch durch keines der Vorgängeralben getoppt: "[It] confronts you with an all-embracing atmosphere of aggrieving darkness and glorious harshness, fathoming the possibilities of the genre". Und als ob das alles noch nicht genug wäre, wurde dem Album der finale Ritterschlag in Form eines grandiosen Masterings durch Produzentenlegende JAMES PLOTKIN verabreicht. Vor dem Hintergrund, dass es sich beim vorliegenden Album "erst" um den vorletzten Teil der "Suicide Series" handeln dürfte, hat STEPHAN HANSER die Messlatte für das Finale also verdammt hoch gelegt – bleibt nur, dem Mann von Herzen die Daumen zu drücken, dass er dieses ungewöhnlich hohe Niveau zu halten vermag; hier noch auf eine Steigerung zu spekulieren, scheint schlechterdings vermessen. Um – ganz in diesem Sinne – mit den Schlussworten des Promotextes zu sprechen: "Quality time lies ahead for those who get involved and visit the golden temple!"


 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» ANEMONE TUBE-Homepage
» ANEMONE TUBE @ facebook
» ANEMONE TUBE @ Bandcamp
» ANEMONE TUBE @ SoundCloud
» ANEMONE TUBE @ discogs
» THE EPICUREAN @ bandcamp
» "Golden Temple" @ bandcamp
» RAUBBAU-Homepage

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Zusammenfassung
Außergewöhnlich gelungenes, facetten- & bezugsreiches Album aus ATs "Suicidal Series"-Reihe. Ungeachtet durchaus harscher Noisepassagen insgesamt extrem atmosphärisch & auf abgründige Weise, ja: verträumt. Bislang zweifellos das stimmigste und reifeste Album des Künstlers - close to perfection!

Inhalt
[Golden Temple]
01: L'Homme et Les Sirenes (13:34)
02: Apocalyptic Fantasy (3:19)
03: Tower of Evil (The Ultimate Truth) (3:29)
04: Negation of Myth (4:27)
05: Sea of Lights (Golden Temple) (4:40)
06: Anthropocene - The Dark Abyss of Time (7:48)

[Arkadia - Dreamland and Myth]
07: I, Death, Rule Even in Arcadia (7:08)
08: Tojinbo - Tranquil Sea of Equanimity (14:00)

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