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Endsal

ANEMONE TUBE / POST SCRIPTVM

Litaniae Mortuorum Discordantes


ANEMONE TUBE / POST SCRIPTVM
Genre: Post Industrial
Verlag: The...
Vertrieb: The...
Erscheinungsdatum:
1. Dezember 2016
Medium: CD / LP
Preis: ~13,00 €
Kaufen bei: The...


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Dass zwischen ANEMONE TUBE, dem Post-Industrial-Projekt des THE EPICUREAN-Labelchefs, und den Wahl-New-Yorker Exilrussen von POST SCRIPTVM so ein gewisses künstlerisches Britzeln besteht, ist spätestens seit dem zweiten, 2013 in Berlin zelebrierten, "Epicurean Escapism"-Festival nebst flankierendem Compilation-Boxset abzusehen. Nun hat man beherzt die Konsequenz gezogen und getan, was zu tun in solchen Fällen nur konsequent ist: Man hat sich zu einer Kollaboration bzw. zu einer Split-CD zusammengefunden, die nunmehr – nicht minder konsequent – im Hause THE EPICUREAN erschienen ist und allein schon mit ihrer gewohnt geschmackvoll gestalteten, äußeren Erscheinung punktet: Als Außenhülle fungiert ein schmaler, weißer, mit Goldlettern bedruckter Kartonumschlag, der CD nebst Booklet in einem weiteren Pappcover umschließt. Der schlichten Gestaltung eignet auf formaler Ebene etwas ebenso Gravitätisches wie Verspieltes, und es ist eben dieses Spannungsfeld zwischen apokalyptischem Witz und stoischem Ernst, das auch auf inhaltlicher Ebene maßgeblich ist – womit wir bei Thema und Inhalt des Albums wären.



"Litaniae Mortuorum Discordantes" – nach den rudimentären Lateinkenntnissen des Autors etwa mit "Disharmonische Gesänge der Toten" zu übersetzen – beansprucht rotzfrech sakralen Nimbus und kommt als "Oratorium" daher, als ein solches allerdings "zur geistigen Ergötzligkeit" (sic!) für "Liebhaber[..] von seelenzermalmender, auf Dissonanzen basierender Beerdigungsmusik" und ist überdies – für ein "Oratorium" freilich nur recht & billig – "[z]ur Aufführung in der Kirche bestimmt". All dies verkündet das Cover qua güldenen, antiquarischen Lettern und signalisiert so augenzwinkernden Sinn für subtilen Klamauk: nichts – oder zumindest nur sehr, sehr wenig – wird eben gar so bierernst gegessen, wie's gekocht wird. Um die parareligiöse Humoreske abzurunden, wartet der Pappschuber im Inneren zu guter letzt noch mit Vers 32,28-29 aus dem Deuteronomium aka Das Fünfte Buch Moses' in lateinischer Sprache auf, welche in der charmant-knarzigen Übersetzung Martin Luthers wie folgt lautet: "Denn es ist ein Volk, darin kein Rat ist, und ist kein Verstand in ihnen. O, dass sie weise wären und vernähmen solches, dass sie verstünden, was ihnen begegnen wird!" ...  – Die dem Album zugrundeliegende Programmatik entpuppt sich als herzerfrischender Wechselbalg aus kathartischer Resignation, mystischer Zerknirschung und feinsinniger Ironie.




Eine gewisse Vorliebe für mystisch-religiöse Bezüge und Verweise ist man von Produkten aus dem Hause THE EPICUREAN im Allgemeinen sowie ANEMONE TUBE im Besonderen ja durchaus gewohnt, neu scheint sie allerdings in Kombination mit jener subtilen Schalkhaftigkeit, die sich insbesondere in der medialen Gestaltung des Albums niederschlägt. Wobei "insbesondere" als Höflichkeitsfloskel fungiert, denn sollte auch das musikalische Material über einen humorigen Aspekt verfügen, so ist der gut versteckt – subtil bis zur Unkenntlichkeit sozusagen, so dass zumindest der Rezensent nichts davon mitbekommen hat. Die ersten drei Stücke steuert ANEMONE TUBE bei, wobei Track No. 3 Ergebnis einer Kollaboration mit POST SCRIPTVM  ist. Insbesondere die ersten beiden Stücke kommen ausgesprochen ruhig und entspannt daher und erinnern in ihrer gotisch-sinistren Fluffigkeit deutlich an jenen eigentümlichen Post-Rock-Ambient-Noise, den ANEMONE TUBE bereits auf dem letzten Longplayer "Golden Temple" sowie auf der Tape-EP "In The Vortex Of Dionysian Reality" kultiviert hat. Über die war der Rezensent seinerzeit bereits des Lobes voll und das verhält sich hier kein bisschen anders: "Myth And The Relation To The World" setzt mit sphärischen Chorälen ein, die in mäandernden Droneflächen unter- und wieder daraus emportauchen, hier und da von flirrenden Synthesizersequenzen durchbrochen – ein rundum entspanntes, kontemplativ-melancholisches Stück Musik, das in puncto Entspanntheit vom anschließenden "Recuilement (Sa Propre Mort)" noch übertroffen wird, das an den neoklassischen Dronesound von STARS OF THE LID oder die Tuba-basierten Soundscapes des US-amerikanischen Ambient-Künstlers TOM HEASLEY erinnert. "Irruption Of The Whore" schließlich wurde, wie gesagt, mit POST SCRIPTVM eingespielt, und läutet dementsprechend den experimentelleren Teil des Albums ein, wenn wir uns damit auch immer noch in der Grauzone zum rituell-sakralen Bereich bewegen, wofür allerlei Gongsounds und anderweitig düstere Rumpelei konstitutiv sind.




Des Werkes zweiter Teil wird von POST SCRIPTVM alleine bestritten. Erwartungsgemäß bekommt es der Hörer hier mit den typischen, weitgehend atonalen und disharmonischen Soundcollagen zu tun, für die der Titel des letzten Studioalbums von 2014, "Benommenheit", nachgerade paradigmatisch ist. "Buried In Fabula" ist ein somnambuler, düsterer Fiebertraum, immer wieder von verwaschenen Sprachsamples durchbrochen – zu verstehen sind lediglich die mehrfach wiederholten Worte: "Alles aus" … – "Dark And Nameless Gods", ebenfalls stark durch delirierende Vokalfetzen geprägt, besticht mit analoger Authentizität sowie dezidiertem Oldschool-Charme und erinnert verflixt an ein Stück auf dem alten SPK-Klassiker "Leichenschrei", doch leider komm' ich partout nicht mehr auf den Titel. Andermal. Der Abschlusstrack "Laterne d'Horreur" schließlich beginnt mit einem volkstümlich anmutenden Männergesang, der recht schnell in ein, beinahe cold-wavig anmutendes Gewummer mündet – mehr als einmal fand sich der Rezensent jedenfalls an einschlägige GALAKTHORRÖ-Kämpen erinnert. Insgesamt sehr dicht, sehr atmosphärisch und auf alptraumhafte Art verträumt, mündet das Stück gegen Ende elegant wieder in jenen speziellen Ambientmodus ein, mit dem ANEMONE TUBE das "Oratorium" eingeleitet hat – und so schließt sich der Kreis.



Summa summarum eine gelungene Veröffentlichung zweier durchaus unterschiedlicher Musikprojekte, die das Kunststück fertigbringen, gerade aus ihrer Unterschiedlichkeit kreatives Kapital zu schlagen: "Litaniae Mortuorum Discordantes" versammelt das Beste aus zwei musikalisch-ästhetischen Welten und schmiedet daraus eine neue, nicht minder faszinierende. Nimmt man dann noch die eingangs bereits aufrichtig bejubelte, rundum bestrickende Covergestaltung mit in den Blick, gibt es eigentlich nichts mehr, was die Verzögerung einer zeitnahen Anschaffung rechtfertigen könnte. Und das Allerdollste: Beim spanischen LA ESENCIA-Label gibt's das Album in der schnieken Vinyl-Version! - In diesem Sinne: Husch, husch, lieber Leser!


 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» ANEMONE TUBE-Homepage
» ANEMONE TUBE @ facebook
» ANEMONE TUBE @ Bandcamp
» ANEMONE TUBE @ SoundCloud
» ANEMONE TUBE @ discogs
» POST SCRIPTVM-Homepage
» POST SCRIPTVM @ facebook
» POST SCRIPTVM @ SoundCloud
» POST SCRIPTVM @ discogs
» THE EPICUREAN-Homepage
» THE EPICUREAN @ facebook
» THE EPICUREAN @ bandcamp
» LA ESENCIA @ bigcartel

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Zusammenfassung
Gelungenes Split-Release der beiden Post-Industrial-Projekte, die ihre musikalische Diversität hier vorbildlich fruchtbar machen: überzeugender Mix aus Noise-, Drone- und Experimental-Elementen, appetitlich abgeschmeckt mit einer Prise Mystik und einem Schuss Humor.

Inhalt
Erster Akt.
ANEMONE TUBE
01: Myth and the Relation to the World (7:39)
02: Recueillement (Sa Propre Mort) (3:18)
03: Irruption of the Whore (7:37)

Zweiter Akt.
POST SCRIPTVM
04: Buried in Fabula (4:40)
05: Dark and Nameless Gods (6:44)
06: Laterne D'Horreur (7:22)

CD in full color cardboard sleeve, white offset paper cardboard slipcase with golden typography, incl. 4-page booklet. Lim. ed. 144 copies, hand numbered.

Regular vinyl edition in golden vinyl, full color cover, printed paper inner sleeve and high-quality PVC sleeve with silkscreen printed golden typography. Lim. ed. 200 copies.
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