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Tony F.

ALESSANDRA NOVAGA: Fassbinder Wunder...

...kammer


ALESSANDRA NOVAGA: Fassbinder Wunder...
Genre: Filmmusik
Verlag: Setola Di...
Erscheinungsdatum:
Januar 2017
Medium: Vinyl-LP + Download
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Als Wunderkammer bezeichnet man gemeinhin eine Sammlung verschiedener Artefakte, die nicht zwingend in einem streng geordneten, musealen Sinn zusammengestellt wurde. Als Sammlung verschiedener Artefakte – namentlich seine Filme, Bühnenstücke, Hörspiele aber auch Schauspielleistungen - kann man das Werk von RAINER WERNER FASSBINDER natürlich durchaus bezeichnen, wenn man will. Vielmehr kann man den Titel des Albums „Fassbinder Wunderkammer“ von ALESSANDRA NOVAGA allerdings als Mittel dazu sehen, wirksam den Gedanke zu zerstreuen, man wolle sich dem gesamten Wirken FASSBINDERS quasi museal geordnet widmen. Tatsächlich geht es ALESSANDRA NOVAGA mehr um eine Annäherung an das Werk des 1982 verstorbenen FASSBINDERS, die mittels musikalischer Schlaglichter erreicht werden soll. Dabei orientiert sich die italienische Musikerin an dem Schaffen von PEER RABEN, dem langjährigen musikalischen Partner FASSBINDERS. 

Herausgekommen ist ein allein auf der Gitarre basierendes Album, die allerdings nicht nur konventionell, sondern vor allem auch experimentell eingesetzt wird. Das Album folgt dabei einer recht strengen Logik, indem sich experimentelle Stücke bzw. Soundcollagen mit Gitarrenminiaturen abwechseln. Der direkte, manchmal spröde, minimalistische Klang, die Art wie die Stücke gespielt und umgesetzt werden weckt tatsächlich das Bild der Zeit vom Ende der 60er Jahre bis zum Anfang der 80er Jahre, illustriert allerdings auch den konzentrierten Blick FASSBINDERS in Bezug auf seine Stoffe und seine Regie. Den Schwerpunkt, was die Betrachtung des Werks von FASSBINDER angeht, legt ALESSANDRA NOVAGA dabei verstärkt auf die letzte Schaffensperiode von 1980-1982. Mit „Götter der Pest“ und „Der amerikanische Soldat“ wurden allerdings auch Bühnenstücke/Filme aus dem Anfang der Karriere FASSBINDERS einbezogen. 

Wie oben erwähnt folgt das Album einer strengen Ordnung. Dem aus geloopten Stimm-Samples und einigen Klangzusätzen bestehenden „Veronika Voss“ folgt das intime Gitarrenstück „Frankfurter Out Of Tune“. Die Melodie des altbekannten Stücks „Lili Marleen“ wird daraufhin zweimal als Grundlage für kratzige und verzogene Gitarrenexperimente mit Geigenbogen und  Effekteinsatz hinzugezogen. Die beiden Stücke werden lediglich durch die wiederum melancholische Gitarrenminiatur „Der amerikanische Soldat“ unterbrochen. Ebenso fällt das letzte Stück der A-Seite „Serenade“ aus. 

Die B-Seite beginnt wiederum mit geloopten Stimm-Samples aus „Lola“ die allerdings stärker durch die Effektmaschinen gezerrt werden als es noch beim Opener der Fall war. Sucht man den Bezugspunkt dieses Klanggeschehens zum Werk von FASSBINDER, so kann man vielleicht auf die Soundexperimente in „Die Ehe der Maria Braun“ hinweisen, die nicht Selbstzweck waren, sondern die Aussage des Films verstärken sollten. Mit „Götter der Pest“ folgt wieder ein kurzes Gitarrenstück, bevor der Hörer auf den Alexanderplatz nach Berlin zu zwei weiteren Stücken des Albums geführt wird. Zunächst folgt wieder eine mit Stimm-Samples ausgestattete Sound-Collage bevor die Gitarre fast wie ein Synthesizer eingesetzt wird, um eine sanft schwebende Atmosphäre zu erzeugen. Das zweite Stück ist wiederum eine Gitarrenminiatur, die in verzerrten Klängen ausläuft. 

Am Schluss steht schließlich „Each Man Kills The Thing He Loves“ aus dem Film „Querelle“ nach einem Roman von JEAN GENET. Der Song basiert auf einem Text von OSCAR WILDE, wobei heute kaum zu glauben ist, dass das Stück für eine goldene Himbeere als schlechtester Filmsong im Jahr 1983 nominiert war. Mittlerweile wurde das Stück – im Original von JEANNE MOREAU gesungen – von u.a. GAVIN FRIDAY, LAIBACH oder SPIRITUAL FRONT gecovert und von DEATH IN JUNE als Sample verwendet. Ohnehin sollte man bei der Rezeption von DEATH IN JUNE das Werk FASSBINDERS, seine Themen, die Brüche und auch die Skandale niemals außen vor lassen. ALESSANDRA NOVAGA bedient mit ihrer Bearbeitung von „Each Man Kills The Thing He Loves“ allerdings nicht die Erwartung, hier einen netten Song an das Ende des Albums zu stellen. Vielmehr wird der Song – der einzige übrigens mit Gesang der Musikerin – in einer am Ende verzerrten sich selbst überlagernden Version dargebracht. 

Letztlich gelingt es ALESSANDRA NOVAGA recht gut, das Werk FASSBINDERS auf ihre Art musikalisch zu beleuchten. Die Art und Weise der Umsetzung passt ohne Frage und die Musik wäre tatsächlich auch als Soundtrack geeignet. Sie verlangt allerdings auch die Fähigkeit und letztlich das Wollen des Hörers, sich auf diese doch recht spezielle Soundlandschaft einzulassen.              

 
Tony F. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» ALESSANDRA NOVAGA auf Bandcamp
» ALESSANDRA NOVAGA Homepage


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Zusammenfassung
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Inhalt
Veronika Voss
Frankfurter Out Of Tune
L.M. #1
Der Amerikanische Soldat
L.M. #2
Serenade

Lola
Goetter Der Pest
Berlin Alexanderplatz
Franz B.
Each Man Kills The Thing He Loves
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