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Andreas X.

27. Wave-Gotik-Treffen - Bericht


27. Wave-Gotik-Treffen - Bericht
Kategorie: Spezial
Wörter: 3037
Erstellt: 16.06.2018
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Die mittlerweile 27. Ausgabe des Wave-Gotik-Festivals in Leipzig verlangte dem musikbegeisterten Besucher wie in den Vorjahren wieder alles ab. Vor dem Vergnügen steht ja bekanntlich das Planen, Hadern und zuweilen auch Ärgern, wenn man notgedrungen festlegen muss, welche Konzerte man letztendlich besuchen möchte. Und auch in diesem Jahr war es wieder kaum möglich alles unter einen Hut zu bekommen – schon gar nicht bei einem recht breiten Musikgeschmack. Andererseits sollte aber auch der Treffengedanke als solcher nicht in den Hintergrund rücken, sodass für Konversation und Kontemplation Zeiten freizuhalten sind. Insofern kann dieser Bericht wieder nur ein subjektiver Abriss des gesamten Treibens darstellen, dessen Themensetzung stark von organisatorischen Möglichkeiten, persönlichen Präferenzen und teilweise auch dem Entdecken von Neuem abhängig ist.

In Bezug auf die unterschiedlichen Spielorte gab es in diesem Jahr auch wieder einiges an Bewegung, wobei – obwohl selbst nie betroffen - der subjektive Eindruck dahin geht, dass es in diesem Jahr recht viele Einlassstopps an unterschiedlichen Locations gegeben hat. Ob das an vielleicht doch leicht zurückgefahrenen Gesamtkapazitäten lag, kann dabei an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Wirklich voller wirkte die Stadt eigentlich nicht und auch die offiziellen Meldungen der Veranstalter zeigen keinen unerwarteten Besucheransturm.

Musikalische Veränderungen sind über die Jahre natürlich auch zu verzeichnen. So lässt der Neofolk-Anteil an den Bands in den letzten Jahren doch merklich nach, was aufgrund des Zustands der Szene auch folgerichtig ist. Dagegen findet eine deutlich stärkere Betonung von Post-Punk, Cold-Wave oder Shoegaze statt – dem Trend der letzten Jahre. Aber auch der Industrial- und harte Elektronik-Sektor war in diesem Jahr etwas schwächer aufgestellt als in den letzten Jahren. Eine sehr schlüssige Veranstaltung in dieser Richtung fand übrigens interessanterweise bereits am Donnerstag im Rahmen des WGT EBM Warm-Ups im Naumann`s im Felsenkeller statt.

Freitag

Am Freitag ging es zunächst in eine der imposantesten Veranstaltungsorte des Festivals – das Stadtbad. Hier präsentierte sich das australische Solounternehmen BUZZ KULL, das zurzeit wie so viele Bands, die auf dem WGT spielen, auf Europatournee ist. BUZZ KULL präsentieren eine straighte, elektronische Cold-/Dark-Wave Mischung, der dieser typische, an die 80er Jahre angelehnte, etwas dumpf-rumpelige Sound zu eigen ist. Woran das eigentlich flotte Set etwas litt, war der Umstand, dass MARC DWYER den ganzen Auftritt lang hinter seinen Maschinen blieb, dabei sang und die live etwas sehr trötigen Leadsounds spielte. Eine echte Bindung zum Publikum oder gar Druck konnte so kaum aufkommen. So kamen auch Gedankenspiele bei einem selbst auf, dass der Saal bei dem derzeitigen Hit von BUZZ KULL namens „Into The Void“ bei einem anderen Frontmann vermutlich gebrannt hätte. So blieb es eher bei einem lockeren Einschwingen in den schon gut gefüllten Reihen.

Die nachfolgenden DETACHMENTS waren zumindest schon zu zweit und brachten zum Synth-Park auch noch eine Gitarre ins Spiel. Dazu wirkt Sänger/Gitarrist BASTIEN MARSHALL angemessen exzentrisch – was zur Musik ohne Frage passt. Veröffentlichungstechnisch kommen die DETACHEMENTS seltsamerweise seit Jahren nicht so richtig vom Fleck. Nach einigen Singles und dem selbstbetitelten Album von 2010 geriet die Maschine jedenfalls etwas ins Stocken, sodass seitdem nur noch zwei E.P.s veröffentlicht wurden. Der Sound der Band liegt irgendwo zwischen Post-Punk, Minimal-Elektronik und Cold-Wave. Das Duo legte insgesamt einen zackigen und überzeugenden Auftritt hin. Das Set wies allerdings eine etwas seltsame Zusammenstellung auf, sodass der Höhepunkt eher in der Mitte lag, sodass der Auftritt insgesamt etwas uneinheitlich ausfiel und zum Ende hin schwächer wurde.

Die französische Band GUERRE FROIDE existierte eigentlich nur eine recht kurze Zeit zu Beginn der 80er Jahre und war da eigentlich auch nur in Cold-Wave-Kreisen bekannt. Im Jahr 2004 erfolgte die Widerveröffentlichung des einzigen Vinyls der Band auf CD, wobei hier auch der Underground-Hit der Band „Demain Berlin“ zu finden ist. Durch diese neue Aufmerksamkeit angestachelt, formierte man sich in der Folge neu, wobei von den ursprünglichen Besetzungen nur noch Sänger YVES ROYER und Gitarrist/Keyboarder FABRICE FRUCHART übrigblieben. Nach einigen lohnenden Veröffentlichungen stand der Auftritt in Leipzig unter dem Eindruck des letztjährigen Albums „Coruscant“. Wer jetzt nur an „Star Wars“ denken kann, dem empfehle ich an dieser Stelle einen Blick in ein französisches Wörterbuch. Da „Coruscant“ unter tatkräftiger Mithilfe der DEAR DEER Sängerin SABATEL entstand, war diese bei dem Auftritt mit dabei. Persönlich bringt SABATEL aus meiner Sicht ein etwas zu quietschig-poppiges Element in den ansonsten ruhig-melancholischen Musikansatz der Band, sodass der Auftritt insgesamt nicht wirklich packend geriet. "Demain Berlin" durfte aber natürlich nicht fehlen.

Über Sinn und Unsinn der Neuformierung von CRISIS kann sicherlich trefflich gestritten werden; zumal mit TONY WAKEFORD nur ein Originalmitglied der ursprünglichen Besetzungen involviert ist. In der Luft lag das Ganze natürlich schon länger, da TONY WAKEFORD unter wechselnden Namen – zuletzt 1.9.8.4. – seit 2015 wieder CRISIS-Stücke live spielt und das Ende von SOL INVICTUS wohl besiegelt ist. Mit LLOYD JAMES am Mikrophon hat man aber ohne Zweifel in jeder Hinsicht einen Glücksgriff getan. Die höhere Stimmlage der CRISIS-Songs wie auch der eher proklamierende-shoutende Stil kommt dem Mann hinter dem Projekt NAEVUS jedenfalls sehr entgegen auch wenn seine Bühnenpräsenz zuweilen etwas zurückhaltend erscheint. Beginnend mit „No Town Hall“ spielte sich die Band in der gut gefüllten Kantine des Volkspalasts durch ein druckvolles Set, welches sich aufgrund der beschränkten Diskografie von CRISIS im Grunde selbst aufstellte. Auf grobe Überarbeitungen der Songs wurde dabei übrigens verzichtet. Daneben gab es auch neues Material zu hören, das sich recht nahtlos in das Set einfügte, aber auch zeigte, dass die Bäume für diese Formation vermutlich nicht in den Himmel wachsen werden. Das Ganze wirkte letztendlich aber musikalisch stimmig und überzeugend und – z.B. mit dem typischen kurzen Delay auf der Stimme - auch authentisch. Zum Ende hin gab es als Zugaben, dann noch – und natürlich erwartet – alte DEATH IN JUNE Songs zu hören, wobei man sich hier auf das WAKEFORD-Material beschränkte. Mit „All Alone In Her Nirvana“, das von CRISIS zwar noch live gespielt aber nicht mehr als Studio-Version veröffentlicht wurde, über „Holy Water“ bis hin zu „Nothing Changes“ kam man somit in den Genuss von Stücken, die viele in dieser Form vermutlich noch nie live gehört hatten.

Anschließend beendeten ROME den Abend in der Kuppelhalle. Gegenüber der Frühjahrstour ergaben sich naturgemäß eher wenige Änderungen. Das Trio präsentierte somit ein eher ruhiges Set, welches sich von den mehr Rock-orientierten Auftritten der letzten Jahre deutlich abhob und mehr in die Vergangenheit ausgriff. Der Percussionist sowie der Gitarrist agierten abwechslungsreich und JEROME REUTER intonierte die Songs gewohnt souverän. Ich selbst kann aber kaum verhehlen, dass die ganz große Begeisterung in den letzten Jahren abhandengekommen ist, da das etwas unübersichtlich gewordene Material der letzten Jahre nicht mehr den Überzeugungsgrad aufweisen kann wie zu Beginn der Aktivitäten von ROME, dieses Material zurzeit aber hauptsächlich die Setlist bestimmt.

Samstag

Bei gutem Wetter bietet sich natürlich immer ein Besuch des Heidnischen Dorfes an, wobei gerade samstags und der sonntags zahlreiche Nicht-WGT-Gäste in die Örtlichkeit gespült werden, sodass es am Samstagnachmittag schon fast unangenehm voll war.

Mit KAUNAN stand oder vielmehr saß ein Trio auf der Bühne, das nordische Folklore zelebriert. Aufmerksamkeit für KAUNAN ist natürlich garantiert, weil mit OLIVER S. TYR von FAUN ein nicht ganz unbekannter Musiker involviert ist. Die Veröffentlichung des ersten Albums „Forn“ Ende 2017 hat die Gruppe zudem in den Fokus gerückt. Ziel des Trios ist ein eher suchender, ja fast wissenschaftlicher Ansatz, da man sich mit (fast) vergessenen Weisen aus Skandinavien beschäftigt und diese zu neuem Leben erweckt. Die Musik bleibt dabei überwiegend instrumental und wird nur hin und wieder mit Gesang angereichert. Zu hören waren fast ausschließlich skandinavische Polkas, wobei mir persönlich vieles etwas gleichförmig wirkte und eher wenig packende Momente aufschienen.

Danach standen HEKATE auf der Bühne, die ihr neues Album „Totentanz“, das just einen Tag vorher veröffentlicht worden war, vorstellten. Die Band setzte dann auch voll auf das neue Material und spielte neben nur wenigen älteren Stücken wie „Seelenreise“, „Montsegur“ oder „Moritori Te Salutant“ fast das gesamte, eher ruhiger ausgefallene neue Album - vom Titelstück „Totentanz“ über „Lost And Broken“ bis hin zu „Luzifer Morgenstern“. Insofern war den Musikern hier und da eine größere Nervosität anzumerken, als man es üblicherweise gewohnt ist. Wie schon bei dem letztjährigen Auftritt im Rahmen des Prophecy Festivals setzte man auch hier wieder auf die Unterstützung zweier Posaunisten, die den Sound andicken sollten, was aber leider aufgrund der insgesamt mäßigen Leistung am Mischpult nicht so effektiv gelang. Für einen Festivalauftritt hätte sich der eine oder andere Besucher sicherlich noch mehr ältere Stücke gewünscht. Persönlich begrüße ich allerdings die Haltung von Bands, neues Material auch entsprechend zu würdigen und nicht nur zwei-drei Alibi-Stücke von neuen Alben zu spielen, um dann wieder auf den sicheren Greatest-Hits-Pfad einzubiegen.

Da vom Westbad, wo später BLACK LINE spielen sollten, bereits Einlassstopps gemeldet wurden und auch das Schauspielhaus zu ARCANA vermutlich voll sein würde, fiel die Entscheidung auf den Safe-Harbour AGRA und den Auftritt von FRONT LINE ASSEMBLY. Deren Bandgefüge wurde in den letzten zwei-drei Jahren ja wieder einmal etwas durchgeschüttelt, da einerseits das wohl prägendste Mitglied RHYS FULBER endgültig zur Band zurückgekehrt ist und andererseits das langjährige Bandmitglied JEREMY INKEL Anfang des Jahres verstorben ist. Diesem wurde im Rahmen des Konzerts dann auch mit dem ruhig-atmosphärischen „Vanished“ gedacht. Insgesamt wurde der typische Mix der letzten Jahre aus Stücken des letzten Albums „Echogenetic“ sowie einem Best-of-Set gepielt, wobei die etwas überspielten Stücke des „Millennium“-Albums endlich einmal keine Berücksichtigung fanden, dafür aber seltene Perlen wie das erwähnte „Vanished“ oder „Remorse“ in neuem Glanz erstrahlten. Die Wucht des letzten WGT-Auftritts 2014 konnte man allerdings nicht gänzlich entfalten.

Sonntag

Am Sonntag führte der Weg zunächst zum Schauspielhaus, wo das Projekt VOCA ME, das große personelle Schnittmengen zu QNTAL aufweist, auf der Bühne stand. Das Projekt beschäftigt sich im Kern mit Alter Musik, die von Frauen komponiert wurde (u.a. Kassia von Byzanz, Hildegard von Bingen), wobei das Quintett fast ausschließlich und dem Projektnamen gerecht werdend auf die unzweifelhaft hervorragende Gesangsdarbietung setzt. Von MICHAEL POPP werden, wenn er nicht selbst mitsingt, lediglich ab und an zurückhaltend instrumentale Linien oder Rhythmen eingestreut. Das Publikum wurde von dem Ensemble im Laufe des Konzerts quasi auf eine musikalische Zeitreise mitgenommen, die im letzten Block schließlich bei weltlichen Werken „neueren“ Datums endete. Ein sehr überzeugender Auftritt.

Danach folgte JO QUAIL, die sich freute, nach ihrem Auftritt 2015 wieder im Schauspielhaus auf der Bühne zu stehen. Die Freude ergab sich auch deshalb, weil sie in den letzten Monaten zahlreiche Support-Auftritte absolviert hat, bei denen sie naturgemäß eher auf kürzere, zupackendere Stücke setzen muss, wobei diese Auftritte – ich selbst habe sie zuletzt 2016 als Support von CASPIAN gesehen – keinesfalls negativ zu bewerten sind. Im Schauspielhaus konnte sich JO QUAIL mit ihrem Cello auf jeden Fall auch längeren Kompositionen widmen. Im Zentrum stand dabei ihr 2016er Album „Five Incantations“ von dem zu Beginn „White Salt Stag“ und später noch „Salamander“ und „Gold“ gespielt wurden. Wie gewohnt gelang es JO QUAIL den Hörer in ihre etwas raue Klangwelt zu entführen, wobei wie bei MATT HOWDEN (SIEBEN) immer wieder erstaunt, was man als Künstler mit seinem Instrument und einer Loop-Station so alles hinzaubern kann. Neues Material wurde ebenfalls geboten, wobei JO QUAIL ihre Komfortzone zu verlassen scheint – wie sie auch selbst sagte - und nun offenbar verstärkt mit industriellen und kantigen Klängen arbeitet. Insgesamt war das Publikum begeistert – und das zu Recht.

Beim Verlassen des Schauspielhauses hätte man eigentlich Applaus erwartet, ob der immensen auf QNTAL wartenden Menge; aber so ist das Leben. Weiter ging es in den Volkspalast, wo gerade die Cold-Waver SCHONWALD ihr Set beendeten. In der Kantine begannen danach die Post-Punker ACTORS, die aber leider sehr austauschbar, nichtssagend rüberkamen. In der Kuppelhalle folgte danach der Auftritt des Duos THE KVB. Wenn man die Band nicht schon einmal in einem professionellen, technischen Umfeld gesehen hätte, hätte man der falschen Auffassung anheimfallen können, die Band könne es irgendwie nicht. Wie schon oft in der Kuppelhalle war die Band jedenfalls mit massiver Wucht von technischen Problemen betroffen, wobei man wirklich sagen muss, dass in der Kuppelhalle anscheinend das Problem hinter den Mischpulten sitzt. Die schwierige Akustik in der Halle rechtfertigt jedenfalls nicht, dass man heftigste Feedbacks nicht in den Griff bekommt oder brummenden, verzerrten Klang ungerührt hinnimmt. Höhepunkt war am Ende der Ausfall des Laptops der Band, den man so ohne weiteres natürlich niemanden anlasten kann. Dass die Band den Auftritt dann einfach beendet, wobei allerdings auch kein Bühnentechniker irgendeine Aktivität erkennen ließ, war da nur mehr als verständlich. Achja, Musik gab es auch noch. Das Duo präsentierte seinen energetischen Post-Punk/ Cold-Wave-Mix, wobei gerade die noisigen Gitarrenausbrüche von NICHOLAS WOOD die oftmals zu unterkühlte Bühnenpräsenz ähnlich gelagerter Bands wohlig durchbricht und zudem die Interaktion zwischen ihm und KAT DAY an der Elektronik das Publikum stärker in den Auftritt hineinzieht.

Montag

Da die lohnenden Alternativen am Montag rar gesät waren, blieb eigentlich nur das Programm im Volkspalast. Der Einlass verzögerte sich allerdings um eine satte Stunde, da der Sound-Check mit BLIXA BARGELD wohl deutlich länger dauerte als geplant. Angesichts der Soundprobleme am Vorabend, die auch am Montag u.a. bei SARDH wieder auftauchten und der, ja, offensiven Art von BLIXA in diesen Dingen konnte man sich allerdings vorstellen woran das – neben seiner allgemeinen Divenhaftigkeit - wohl gelegen haben könnte.

Los ging es aber mit dem EBM/Industrial/Techno-Solo-Projekt SARIN, das rhythmisch straighte, tanzbare, instrumentale Tracks auf das Publikum losließ, die hin und wieder von typischen, kantigen EBM-Basslines , wie es seit einiger Zeit auch im technoiden Sektor üblich ist, durchzogen wurden. Nett aufrüttelnd aber nicht essentiell.

In der Kantine kämpften sich anschließend BEINHAUS durch ihr Set. Die Band, die es bereits seit den 90er Jahren gibt, läuft bei vielen sicherlich unter dem Radar, weil Veröffentlichungen recht selten und meistens im Eigenvertrieb erschienen sind. Musikalisch ist man im Grunde dem Schaffen der EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN nahe; allerdings dem Wirken in den 80er Jahren. Somit verbindet sich eine minimale elektronische Grundierung mit dem brachialen Bearbeiten von Metall und einem expressiven Vokalvortrag. Live zeigen die drei Herren, dass die Untergrund-Szene doch hier und da ein wenig an Spannkraft und Explosivität verloren hat, denn BEINHAUS gehen mit ihrem konfrontativen Stil richtig in die Vollen. Man macht Krach und ROBERT KARLICZEK tobt über die Bühne, läuft durch das Publikum und bringt seine parolenhaften und zupackenden Texte zu Gehör. Insgesamt überaus mitreißend, was das Publikum auch so sah.

Das nachfolgende Kollektiv SARDH existiert bereits seit den 80er Jahren, ist seit vielen Jahren veröffentlichungstechnisch aber auch eher im CD-R-Bereich unterwegs. SARDH, die zuletzt 2014 auf dem WGT gastierten verfolgen einen recht experimentellen, und früh-Industrial-durchzogenen musikalischen Ansatz, bei dem eigentlich alle Sounds auch live auf der Bühne erzeugt werden. Insofern erwartet den Hörer mehr eine Klanginstallation als ein typisches Konzert. Das Quintett, das in Leipzig zwischenzeitlich zusätzlich noch an der Flöte unterstützt wurde, brachte dann auch eine experimentelle Performance auf die Bühne, die stark vom expressiven Vokaleinsatz geprägt war, der durch metallische Geräusche, Percussion und E-Gitarre umwoben wurde. Musikalisch ist und bleibt das Ganze aber wohl mehr als bei anderen Bands Geschmackssache.

Nachdem SVARTSINN die Kantine mit Dark-Ambient geflutet hatten, stand in der Kuppelhalle TRISTAN SHONE alias AUTHOR & PUNISHER, der zu dem Zeitpunkt mit TREPANERINGSRITUALEN auf Europa-Tournee war, auf der Bühne. Das eigentlich interessante an der Show von SHONE ist sein technischer Ansatz, da er mit selbst-gebauten Schiebern und Geräten arbeitet, mit denen er Signalquellen triggert. Insofern passiert neben dem Shouten auch hinsichtlich des Sounds etwas Sichtbares auf der Bühne. Den musikalischen Stil von AUTHOR & PUNISHER kann man als Industrial-Doom bezeichnen. Zumeist schwere, krachende Beats liegen unter verzerrten Flächen, wobei auch ab und an Melodieansätze aufscheinen. Leider neigt SHONE zu einem über die Strecke etwas zu gleichförmigen Klangbild, sodass mich der Auftritt nicht uneingeschränkt mitgerissen hat. Dennoch war es fein, den Amerikaner hierzulande einmal live erleben zu können.

In der Kantine nebenan machte sich anschließend Tourkollege THOMAS EKELUND schon einmal unter dem üblichen Sacküberzug über dem Kopf warm. Wie nicht anders zu erwarten growlte sich der Schwede im Metal-Dress durch ein wuchtiges Set aus älteren und neueren Stücken vor einer Videoshow aus Kreuzigungsszenen und allerhand Symbolismus. Problematisch bei der Übertragung Studiosound/ Live-Performance bleiben bei TREPANERINGSRITUALEN für mich allerdings die offensichtlichen Brüche. Hier schwerer, düsterer, donnernder Sound – da ein Mann, der auf einer leeren Bühne ohne große sonstige Show in ein Mikrophon growlt. Die schmucklose, eher sterile Bühne der Kantine unterstützte ohne jegliche andere sichtbare Aktivität im musikalischen Bereich diese Brüche maximal. Insofern vermag mich die Live-Performance von TREPANERINGSRITUALEN nach wie vor nicht zu packen.

Durch den um eine Stunde verzögerten Zeitplan wurde TEHO TEARDO & BLIXA BARGELD definitiv die Ehre zuteil, dass WGT-Musik-Programm in diesem Jahr beendet zu haben. TEHO TEARDO mag vor seiner Zusammenarbeit mit BLIXA BARGELD vielleicht nicht übermäßig bekannt gewesen sein, er ist aber bereits seit den 80er Jahren im musikalischen Untergrund unterwegs. Er hat Anfang der 90er Jahre mit RAMLEH und NURSE WITH WOUND zusammengearbeitet, war mit der Band MEATHEAD unterwegs und komponiert seit einigen Jahren Soundtracks. Über diesen Weg ist auch die Zusammenarbeit mit BLIXA BARGELD entstanden, da die beiden für den italienischen Film „Una vita tranquilla“ ein Stück zusammen aufgenommen haben („A Quiet Life“). Seit 2013 haben die beiden zwei Alben und zwei E.P.s veröffentlicht, wobei angesichts des mageren Outputs der EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN in den letzten Jahren auch deutlich wird, wo BLIXA BARGELDs musikalische Interessen mittlerweile liegen, wobei ihm die ruhigeren, soundtrackartigen Kompositionen hierbei entgegenkommen. Die Auftritte des Duos werden zumeist mit größerem Aufwand gestaltet. So war auch in Leipzig ein örtliches Streicherquartett zugegen. Dazu kamen GIOVANNA FAMULARI am Cello und GABRIELE COEN an der Bassklarinette. Präsentiert wurden Stücke von allen Veröffentlichungen, wobei TEHO TEARDO der ruhige entspannte, mitgehende Musiker an der Gitarre war, während BLIXA BARGELD zunächst wie häufig etwas angespannt wirkte, gleich auch das erste Stück abbrach, weil ihm der Monitorsound nicht passte, später aber immer mehr auftaute und auch einige Anekdoten zum Besten gab. Seine enorme Bühnenpräsenz und Professionalität lässt sich allerdings nicht bestreiten. Das Publikum in der sehr gut gefüllten Kuppelhalle war in jedem Fall angetan, sodass die Musiker natürlich auch noch zu einer Zugabe aufgefordert wurden, bei der es mit u.a. „Hey Hey, My My“ – im Original von NEIL YOUNG - soundtechnisch noch einmal etwas drängender wurde. Ein gelungener Abschluss für ein wieder einmal gelungenes Treffen.

 
Andreas X. für nonpop.de


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