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Roy L.

1997EV :: dead.ends.sinful

"the era beyond catastrophy"


1997EV :: dead.ends.sinful
Genre: Psychedelia
Verlag: Punch:-Records
Erscheinungsdatum:
Mai 2006
Medium: CD
Preis: ~13,00 €
Kaufen bei: Punch:-Recor...


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Bei einem überwiegenden Teil an Labels lässt sich, ohne außergewöhnlichen Scharfsinn aufbringen zu müssen, feststellen, dass sich nach mindestens zehn bis zwölf Veröffentlichungen ein gewisser festgefahrener "Stil" entwickelt hat, nur um den jeweiligen Tonträgerverlag einer halbwegs greifbaren Kategorie zuzuführen. Nach gut fünfzig oder sechzig Platten, sofern heutzutage überhaupt neugegründete Labels existieren, die so lang bestehen werden, wird dieses charakteristische Konzept anscheinend den merkwürdigsten Naturgesetzen folgend dann übrigens völlig über den Haufen geworfen. Aber dies nur nebenbei bemerkt.
Worauf ich eigentlich hinauswill: Punch:-Records, Tairy's tausendfarbiger Zirkus musikalischer Sonderfälle und exzentrischer Attraktionen, stellt sich hier auf eine charmant schamlose Weise quer, vor allem wenn es darum geht, langweilige Strickmusterschablonen zusammenzustellen. Nicht zu wissen, was genau einen erwartet, aber sicher zu sein, dass es unbedingt etwas besonderes sein muss, ist dann auch das einzige, worauf man sich bei neuen PUNCH Scheiben wirklich verlassen kann. Welch beruhigende Unruhe!
Eine ebensolche Gefühlsambivalenz strahlt auch das erste offizielle Album der Band 1997EV aus. Das seltsam betitelte Projekt aus Sardinien lässt sich von einem mysteriösen, anonymen Dunstschleier umgeben, der wie ein Mosaik aus "cybertantrischen" Begrifflichkeiten, höchst technologisch-astronomischen Elementarteilchen und antiken esoterischen Zauberversen aufgebaut ist. Zumindest in dieser Hinsicht dürfen Parallelen zu dem italienischen Industrial Urgestein SIGILLUM S gesehen werden. Musikalisch hingegen tendieren 1997EV vielmehr in Richtung post-psychedelische Gitarrentrips, die nur sehr wenig Industrial, dafür aber umso mehr Krautrock im Blut haben. "Dead.ends.sinful" beginnt mit einer dunkel brodelnden Weltuntergangsatmosphäre, die zunächst eine im Dark Ambient angesiedelte Veröffentlichung vermuten lässt. "Lucifile eins" (die Titel der Stücke sind ebenso kryptisch wie ihre Texte und die Band an sich...) entfacht dann aber schon diesen leicht abgehobenen, kosmischen Akustikgitarrenstrudel, der natürlich auch ein wenig nach halluzinogenen 70ern und kaleidoskopähnlichen Klangspektren schmeckt. Auf epische Länge ausgedehnt, entblättert sich die statische Melodieabfolge beinahe rituell, immer eruptierender, drängender, abstrakter werdend. Als wäre man mitten in ein schwerchiffriertes, futuristisch-sakrales Gebet geraten, das weder Anfang noch Ende kennt. Man wandelt in hyperwissenschaftlichen Tempeln, die nur dem Zerfall und der Strahlung geweiht sind. Tausend Nadeln schießen Blut durch hypnotisierte Kanäle, das in der dünnen Luft im Interim zwischen den scheinbaren Realien abstrahierter Welten in angsterfüllte Monaden zerfließt. Die Zukunft ist ein vor Äonen beschlossenes Fatum, behaftet mit den Verästelungen der Zivilisationen als unausweichliche Nebenwirkung konvergierender Reagenzien. Wir erleben den Einbruch kosmischer Prozesse in die heilige Verklärung unseres alltäglichen Dahindämmerns. 1997EV legen in diese im Grunde entspannte, völlig abgedriftete, apokalyptische Beschwörung mit dem stoischen Sprechgesang, der auf ganz unerklärliche Weise ein wenig an die junge italienische Neofolkgruppe THE GREEN MAN erinnert, auch ein schwerlastendes Gefühl des Eingeweihtseins, der gefährlichen Hypothese, die nach außen hin einer prophetisch hölderlin'schen Umnachtung gleichkommt. Mit "g-rays violet" dringt das Album dann in physisch heftig pulsierende Bereiche vor, die neuerdings auch "Stoner Metal" genannt werden. Was hier archaische Headbang-Orgien verursacht, ist stilistisch auch vergleichbar mit dem Sound von SUNN O))) oder mehr noch von OM, die übrigens eine Split-10" mit CURRENT 93 aufgenommen haben, welche schon sehr bald über Neurot Recordings erhältlich sein wird. Bei "eerie" wird danach das dreizehnminütige psychedelisch-folkige Kernstück des Albums freigelegt. Hier explodiert endgültig, was zuvor nur angedeutet, worum in rhythmischer Ekstase zuvor nur gekreist wurde. Durch das wiederholte Hervordringen moderner elektronischer Effekte und durch implizierte Ambientsequenzen verfahren sich 1997EV dabei nicht allzu sehr in eine neu aufgewärmte Mushroom-Ära- Nostalgie, obwohl sich natürlich die ganze Zeit über der Einfluss von PINK FLOYD und POPOL VUH wie durch ein Loch in der Ozonschicht in die mythologisch-technokratisch verschwommene Atmosphäre des Albums hineinbohrt.
"Dead.ends.sinful" erweitert den Punch:-Records-Mikro-Makrokosmos um einen weiteren, unerwarteten Vorstoß in die schier unauslotbaren Gefilde musikalischer Möglichkeiten. Ein Debüt von konzentrischer Intensität und nahezu wissenschaftlicher Tiefgründigkeit, das gleichsam unter Beweis stellt, dass die wortwörtliche Avantgarde der neuen "Kosmischen Musik" auch in Italien über eine potentielle Plattform verfügt.


 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» 1997EV
» Punch:-Records


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Zusammenfassung
Post-psychedelische Folk- und Rockrituale mit elektronischen Ambienteinsprengeseln und einem verwirrend intelligentem Hintergrund, der globale Zerfallserscheinungen in einer mystisch-naturwissenschaftlichen Symbiose zerlegt. Die Prä - Apokalypse kosmischer Musik.

Inhalt
wetSun7
lucifile eins
g-rays violet
eerie
a dark sides miracle
alder sides epsylons part I

47min

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